Antwort an Psychologeek: Nein, Intuition kann es NICHT mit Vernunft aufnehmen!

Das Wichtigste in Kürze:

  • Pia Kabitzsch vom neuen YouTube-Kanal „Psychologeek“ ruft dazu auf, mehr auf Bauchgefühle zu vertrauen, und sagt, die Intuition „könne es locker mit der Vernunft aufnehmen“.

 

  • Das ist nicht richtig, da die Intuition nicht nur unzähligen kognitiven Verzerrungen unterliegt, sondern auch eine subjektive Grundlage hat, nämlich die individuellen Anlagen, Erfahrungen, Vorurteile etc. einer Person. Zudem hat sie keinen Bullshit-Filter.

 

  • Es gibt Situationen, in denen die Intuition wegen ihrer Geschwindigkeit und ihrer Mustererkennung gewisse Vorteile bietet. Sie ist aber deswegen der Vernunft weder überlegen noch ebenbürtig, wenn es darum geht, gute Entscheidungen zu treffen.

 

Liebe Pia,

wir finden es cool und sehr interessant, dass du ein Video zum Thema Intuition hochgeladen hast. Wir haben es uns detailliert angesehen, da uns Psychologie, Intuition und Vernunft auch ungemein interessieren. Du hast mit einigen Aussagen in deinem Video Recht, aber in manchen Punkten liegst du nicht ganz richtig. Deswegen stimmen wir deinem Gesamtfazit nicht zu. In diesem Text möchten wir dir gerne detailliert erklären, warum wir das so sehen.

 

 

In deinem Video geht es um folgende These: „Die Wissenschaft sagt, unsere Intuition aka unser Bauchgefühl ist alles andere als spiritueller Hokuspokus, kann es locker mit unserem Verstand aufnehmen und kann sogar überlebenswichtig sein“. Du erzählst davon, dass dich dein Bauchgefühl einmal vor einer Gastfamilie gewarnt habe, und deine Au Pair-Zeit dort dann auch tatsächlich sehr schlimm gewesen sei, obwohl „rational alles gestimmt“ habe. Seither hast du dich gefragt, wie es sein konnte, dass dein Bauchgefühl dir da etwas zeigen konnte, was dein Verstand nicht erfasst hat.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die du im Video dann anführst, erklären in der Hinsicht auch einiges. Sie zeigen zum Beispiel, dass es Situationen gibt, in denen die menschliche Intuition zu ganz guten Entscheidungen führen kann. Doch kann unser Bauchgefühl das insgesamt besser als unsere Rationalität, als die Anwendung von Logik zur Erreichung unserer Ziele?

Was ist Intuition?

Du definierst Intuition anfangs als „Wissen, aber nicht wissen, warum“. Wissen ist philosophisch definiert als „gerechtfertigtes Annehmen“. Wenn wir etwas annehmen, ohne eine Begründung zu haben, warum es zutreffen soll, dann handelt es sich nicht um Wissen. So wusste deine Intuition zum Beispiel auch nicht, dass dein Au Pair-Aufenthalt schlecht werden würde – sie vermutete es nur, und lag richtig. Das ist ein entscheidender Unterschied.

Später im Video (8:22) beschreibst du dann genauer, was Intuition genau ist, und sprichst davon, dass sie ein Resultat bisheriger (Lern-)Erfahrungen ist. Du beschreibst selbst, dass es sich dabei nicht um eine zuverlässige Urteilsbildung handelt. Intuition ist vielmehr ein von unserer Vergangenheit geformter Filter, der sensorischen Input unterbewusst anhand unserer Erfahrungen, Veranlagungen, Vorurteile etc. (zum Beispiel abhängig von den Normen unserer Kultur, wie du bei 10:14 selbst erklärst) subjektiv bewertet und entsprechend verzerrt. Er sucht nach Mustern und sieht dabei auch gern mal welche, die nicht da sind, oder nimmt ein Muster als allgemeines Gesetz an, obwohl der Fall, den wir vor uns haben, vielleicht anders ist. Hättest du andere Anlagen und Erfahrungen gehabt, hätte dich dein Bauchgefühl in Bezug auf die Gastfamilie getäuscht.

Ein unverlässliches Produkt der Evolution

Die Wurzeln unserer Intuition liegen in der Evolutionsgeschichte. Mustererkennung und schnelles Denken haben viele Vorteile für’s Überleben. Dass wir Gesetzmäßigkeiten erkennen und uns zunutze machen können, hat uns Menschen sehr weit gebracht. Doch wir sind hypersensibel auf Muster, verallgemeinern intuitiv oft unzulässig und ziehen vorschnelle Schlüsse. Für die Evolution ist das gut genug – ein bisschen paranoid und sparsam statt genau zu sein, ist gut, wenn man in der Savanne überleben will. Doch das bedeutet auch, dass unser Bauchgefühl nicht unbedingt darauf ausgelegt ist, die Wahrheit zu suchen.

Etliche kognitive Verzerrungen beeinflussen unsere Intuition, und um das zu merken, reicht es eigentlich schon, sich eine optische Täuschung anzuschauen. Kognitive Verzerrungen sind gewissermaßen Versuche von Abkürzungen zur Wahrheit, bei denen sehr leicht Fehler passieren. Wir selbst haben eine Liste mit einigen bedeutenden Verzerrungen angefertigt, hier nur wenige Beispiele:

  • Bestätigungsfehler (eigene Ansichten nur bestätigen wollen)
  • Verfügbarkeitsheuristik (als repräsentativ ansehen, was einem spontan einfällt)
  • Kontrasteffekt (auf Basis von Vergleichen zu verzerrten Urteilen kommen)
  • moralische Lizenzierung (ohne Schuldgefühle Schlechtes tun, weil man Gutes getan hat)
  • Halo-Effekt (von bekannten Eigenschaften auf unbekannte schließen)

Bei der englischen Wikipedia gibt es eine wunderbare umfassende Darstellung so ziemlich aller bekannten kognitiven Verzerrungen (hier geht’s zur interaktiven Version):

 

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/65/Cognitive_bias_codex_en.svg

 

Wenn es um Intuition geht, müssen all diese Verzerrungen berücksichtigt werden. Sie sind Denkfallen, die uns häufig ein Schnippchen schlagen und mal harmlos sind, mal zu katastrophalen Entscheidungen führen. Viele kognitive Verzerrungen werden im Buch „Thinking, Fast and Slow“ von Daniel Kahneman aufgezeigt – dem Buch, das du in deinem Video in die Kamera hältst. Dieses Buch demonstriert wie kaum etwas anderes, dass die Hauptaussage des Videos nicht richtig ist. Unsere Intuition ist nicht besonders vertrauenswürdig geschweige denn dem rationalen Denken überlegen – sie steht vielmehr häufig „dem klaren Denken im Weg“, wie Kahneman selbst sagt. Im Gegensatz zur Vernunft hat die Intuition keine objektive Grundlage, sondern eine, die von unseren individuellen Erfahrungen und Anlagen abhängt. Deswegen ist es so wichtig, unserer Intuition nicht standardmäßig blind zu folgen, sondern sie immer wieder anhand einer objektiven Grundlage – der Logik – zu hinterfragen.

Was ist Logik? Was ist Vernunft?

Du sprichst im Video davon, dass intuitives Denken ein Gegensatz zu logischem Denken sei. Da du den Begriff nicht definierst, wissen wir nicht genau, was du meinst, wenn du im Video von „Logik“ sprichst. Generell handelt es sich bei Logik um die grundsätzlichsten Gesetzmäßigkeiten, die es gibt:

Siehe auch:
Unmögliche Gespräche führen, Teil 1: Die 7 Grundlagen

1. Alles ist mit sich identisch und verschieden von anderem.

2. Von zwei Sätzen, von denen einer das Gegenteil des anderen aussagt, muss einer falsch sein.

3. Von zwei Sätzen, von denen einer das vollständige Gegenteil des anderen aussagt, muss einer richtig sein.

Auf Basis der Logik formen wir Argumente, um zu Schlussfolgerungen zu gelangen. Ein Argument kann als sogenannter Syllogismus aus Prämissen und Konklusion veranschaulicht werden. Wenn die Prämissen wahr sind und die Konklusion logisch aus den Prämissen folgt, ist das Argument valide und stimmig und muss logischerweise akzeptiert werden. Das Paradebeispiel:

Prämisse 1: Alle Menschen sind sterblich. 

Prämisse 2: Sokrates ist ein Mensch. 

Konklusion: Sokrates ist sterblich. 

Wenn wir die Logik mit unserem Verstand anwenden, nennt man das Vernunft oder Rationalität. Anhand der Rationalität können wir die potentiell stark verzerrten Impulse unseres Bauchgefühls prüfen. Die Intuition verlässt sich auf unterbewusste Mustererkennung und unsere individuellen Veranlagungen und Erfahrungen, die Rationalität verlässt sich auf die objektiven Gesetzmäßigkeiten der Logik. Logik ist nie verzerrt. Die einzigen Gründe, warum wir die Logik nicht immer perfekt anwenden können, sind, dass wir nicht alles wissen und unsere Emotionen und Verzerrungen auch dann noch Einfluss haben, wenn wir versuchen, rational nachzudenken.

Dass Rationalität grundsätzlich kalt sei und Emotionen nicht berücksichtige, ist übrigens ein Mythos. Das Gegenteil von „rational“ ist nicht „emotional“, sondern „irrational“ – also Unvernunft. Wenn ich meinen Partner durch logische Problemlösevorschläge trösten will, statt auf seine tatsächlichen Bedürfnisse einzugehen, dann bin ich nicht rational, sondern irrational, weil ich mein Ziel verfehle. Die Rationalität beschäftigt sich damit, wie wir effektiv nach der Wahrheit streben und unsere Ziele erreichen, und auch die Befriedigung emotionaler Bedürfnisse ist ein Ziel, das man rational angehen kann – und sollte! Wenn ich potentielle Partner danach beurteile, wie viel ich mit ihnen gemeinsam habe, wie gut sie mir zuhören, wie sehr sie auf mich eingehen, statt einfach nur auf mein Bauchgefühl zu hören, ist die Chance viel größer, dass ich einen tollen Partner finde.

Ist die Intuition besser informiert?

Du nennst im Video folgendes Argument: Unsere Intuition würde alle verfügbaren sensorischen Informationen berücksichtigen und könne daher bessere Entscheidungen treffen als unsere Vernunft, die nur 0,00045 % des sensorischen Inputs verarbeitet. Dazu haben wir folgende Rückmeldungen:

  • Die Aussage, unser Bauchgefühl berücksichtige alle verfügbaren sensorischen Informationen, belegst du leider nicht. Daher gibt es für uns keinen Grund, sie anzunehmen.
  • Selbst wenn die Intuition mehr sensorische Information berücksichtigen würde, würde das keine besseren Entscheidungen garantieren. Auch wenn man viele Informationen hat, kann man schlechte Entscheidungen treffen. Und das tut die Intuition, da sie den erwähnten Verzerrungen unterliegt und undifferenzierten Mustern und individuellen Erfahrungen und Anlagen folgt.

Wann Intuition, wann Vernunft?

Du sprichst auf Basis einer Studie davon, dass „Probleme und Entscheidungen, die Logik erfordern“ und bei denen es „auf Genauigkeit ankommt“, mit unserem Verstand zu lösen seien, zum Beispiel Matheaufgaben. Dinge, die „keine gewisse Logik oder Strategie erfordern“ und „komplex seien“, sollten besser mit unserem Bauchgefühl gelöst werden. Da stellen sich uns einige Fragen:

  • Sind Matheaufgaben nicht komplex?
  • Kommt es bei der Frage, ob man als Au Pair zu einer bestimmten Gastfamilie gehen soll, nicht auf Genauigkeit an, und erfordert sie wirklich kein logisches Vorgehen?

Welches Problem erfordert kein logisches Vorgehen? Ohne uns an der oben besprochenen Logik zu orientieren, können wir erst einmal das Problem, das wir haben, gar nicht verstehen. Und etwas zu tun, das das Problem löst, wäre ebenfalls ein logischer Schritt. Wie wir es auch drehen und wenden: Logik und Rationalität sind das beste Mittel, das wir haben, um zu guten Entscheidungen zu gelangen. Wenden wir uns von ihnen ab, steigt das Risiko, schlechte Entscheidungen zu treffen, massiv an.

Stellenweise gestehst du die Unzuverlässigkeit der Intuition in deinem Video auch ein. Dein Argument würde dann lauten: Weil es manchmal zu guten Ergebnissen führt, sich auf das Bauchgefühl mit seiner unzuverlässigen Systematik zu verlassen, ist die Intuition logischem Vorgehen ebenbürtig oder sogar überlegen. Dieses Argument könnte man auch für die Methode des Münzwurfs vorbringen.

Was sagt du Leuten, die intuitiv falsch liegen? Leuten, die intuitiv deinen Kanal für doof halten, die sich intuitiv nicht auf Psychologie einlassen wollen, die intuitiv Rassisten sind? Du musst an ihre Rationalität appellieren. Wenn wir uns auf unsere Intuition verlassen, haben wir keine Chance, Denkfehler, verzerrende Einflüsse und falsche Annahmen zu entlarven. Dazu brauchen wir den Verstand. Und ja: Manchmal kann uns der Verstand keine Antworten liefern. Aber auch dann gilt: Vertrau deine Intuition nicht blind. Sie ist kein magischer Einblick in tiefere Wahrheiten, sondern vor allem zutiefst fehleranfällig.

Notlösung, nicht Allzweckwaffe

Nicht nur sind die Aussagen, die du aus der zitierten Studie abgeleitet hast, nicht wasserdicht – leider stellst du das Zitat auch nicht richtig dar. Das Zitat lautet:

„When tasks cannot be performed through analysis, for example, when they require pattern recognition or when they are complex and time pressure is high, intuition may be the more advantageous thinking style.“

Die Studie sagt, dass Intuition die bessere Lösung sein kann, wenn es nicht möglich ist, den Verstand zu benutzen, wenn es vor allem um Mustererkennung geht oder wenn man eine komplexe Aufgabe unter hohem Zeitdruck lösen muss. Das ist selbstverständlich, da Intuition sehr viel schneller unterwegs und auf Mustererkennung spezialisiert ist. Die Studie sagt, dass Intuition eine auf ein enges Teilgebiet spezialisierte Notlösung ist, die in manchen Fällen ganz gute Ergebnisse erzielen kann. Aus dem kann man nicht ableiten, dass die Intuition „es locker mit unserem Verstand aufnehmen kann“.

Siehe auch:
Warum Facebook die Finger von Fact Checking lassen sollte

Wenn ich innerhalb von 10 Minuten einen Vortrag vorbereiten soll, dann ist es nicht ratsam, detailliert zu recherchieren und rational zu überlegen, wie ich am besten ans Ziel komme – dafür bleibt schlicht keine Zeit. Es ist besser, wenn ich aufschreibe, was mir gerade einfällt, und das Ganze nach Bauchgefühl gestalte. Wenn ich jetzt sofort etwas Zerbrochenes reparieren muss und nichts anderes habe als Klebeband, dann ist es die beste Lösung, es irgendwie schnell mit Klebeband in einen akzeptablen Zustand zu bringen. Und manchmal reicht das vielleicht sogar, wenn zum Beispiel ein Plakat von der Wand gefallen ist. Aber es wäre ungemein unverantwortlich, deswegen zu behaupten, Klebeband sei Hammer, Schweißgerät oder Sekundenkleber beim Reparieren grundsätzlich ebenbürtig geschweige denn überlegen.

Fazit: Tolles Projekt, kritikwürdiges Video

Wir finden die Idee echt gut, ein Video über Intuition aus psychologisch-wissenschaftlicher Sicht zu machen. Und wir wollen auch nicht in Abrede stellen, dass es Studien gibt, die zeigen, wann unsere Intuition zu guten Urteilen führen kann. Jedoch gehst du nicht genügend auf die Gefahren ein, die die nachgewiesenermaßen unzuverlässige Systematik des Bauchgefühls mit sich bringt. Der Grundton ist: „Setzt mehr auf euer Bauchgefühl.“ Dazu ermutigst du auch deine Zuschauer in den Kommentaren – und das ist gefährlich. Du sagst zum Beispiel jemandem, wenn ihm sein Bauchgefühl sage, er solle noch mehr Schokolade essen, dann solle er darauf hören und alle vernünftigen Überlegungen zu seinem Konsum in den Wind schlagen. Wir können wirklich nur hoffen, dass du so etwas nicht ernst meinst. Das Bauchgefühl ist der Rationalität insgesamt deutlich unterlegen, wenn es darum geht, gute Entscheidungen zu treffen. Das beweist unter anderem das Buch von Kahneman, das du im Video präsentierst.

Wir haben uns sehr gefreut, als wir deinen Kanal entdeckt haben, weil wir Wissenschaftsjournalismus gerade über psychologische Themen für enorm wertvoll und wichtig halten. Leider hat uns das Video sehr enttäuscht. Du sagst, wir würden dazu neigen, die Intuition zu unterschätzen und den Verstand zu überschätzen. In deinem Video machst du es leider umgekehrt, und das ist nicht wirklich besser. Ja, die Intuition kann auch mal gute Ergebnisse produzieren, weil sie eine gewisse Systematik hat, aber deswegen ist sie noch lange nicht so intelligent wie der Verstand. Ja, der Verstand ist nicht perfekt, aber er ist nachweislich zuverlässiger und hat viel mehr Potential als unser Bauchgefühl. Die Intuition ist eine individuelle Blackbox, die von unzähligen kognitiven Verzerrungen beeinflusst wird. Rationalität orientiert sich an der objektiven Grundlage der Logik und hat damit eine viel, viel höhere Chance, zu guten Entscheidungen zu führen.

Halbwahrheiten im wissenschaftlichen Kleid sind gefährlich

Wir haben diese Replik vor allem deshalb geschrieben, weil wir es für sehr gefährlich halten, den Glaubenssatz zu verbreiten, man könne seiner Intuition grundsätzlich vertrauen, vielleicht sogar mehr als einer vernünftigen Analyse. Wir bräuchten keine wissenschaftliche Methode, wenn das Bauchgefühl so zuverlässig wäre, wie du es darstellst. Dann könnten wir die Welt einfach intuitiv verstehen und erklären. Doch das misslingt uns laufend, und deswegen müssen wir unsere Rationalität einsetzen, um unseren Denkfehlern Einhalt zu gebieten.

Dein Video müsste anders herum aufgebaut sein: „Rationalität ist wünschenswert und der Profi für Wahrheitssuche, aber es gibt Fälle, in denen das Bauchgefühl als Notlösung ganz gut funktioniert.“ So ziemlich genau diese Haltung haben wir in unserem Grundsatz des einflussorientierten Skeptizismus formuliert:

Je größer der Einfluss einer Ansicht auf die Welt ist, desto forscher solltest du sie prüfen.

Wenn wir das Prüfen wegschmeißen und primär auf Gefühle vertrauen, wird’s gefährlich. Dein Video könnte ein gefundenes Fressen für Esoteriker, Verschwörungstheoretiker, Alternativmediziner und anderen Gläubige sein und kann leicht den Eindruck vermitteln, du hättest wissenschaftlich bewiesen, dass Fakten und Argumente sekundär sind gegenüber dem Eindruck, den man persönlich von einer Sache hat – und das willst du bestimmt genausowenig wie wir!

Von einem Kanal, der Wissenschaftsjournalismus betreiben möchte, wünschen wir uns eine stärkere Ausrichtung an wissenschaftlichen Standards, wie bei maiLab. Wie du als studierte Psychologin weißt, ist Studien zitieren allein noch keine Wissenschaftlichkeit. Die wissenschaftliche Methode hält dazu an, ergebnisoffen und differenziert vorzugehen, genau zu bestimmen, was eine Studie aussagt und was nicht, und nach Information und Widerlegung statt nur nach Bestätigung für einen Eindruck zu suchen, den man bei einem Erlebnis hatte. So hättest du am Ende des Videos etwa nicht nur nach bestätigenden Anekdoten, sondern auch nach Widerspruch fragen können: „Seid ihr mal auf die Schnauze gefallen, weil ihr eurem Bauchgefühl vertraut habt?“

Alles Gute und nichts für ungut!

Wir sind uns sicher, dass du die allerbesten Absichten hast, und wir wollen nicht deine Feinde sein. Wir halten dich nicht für dumm oder unehrlich. Wir wünschen dir für deinen Kanal alles Gute und hoffen, du kannst unsere Kritik annehmen. Auch wir haben unsere blinden Flecken, und bestimmt finden sich auch in unseren Texten Fehler. Uns geht es nicht um Besserwisserei, sondern darum, dass wir alle uns gegenseitig dabei helfen, näher an dem zu sein, was unendlich wichtig und letztlich doch immer unerreichbar ist: die Wahrheit. Denn dann können wir für unser Leben gute Entscheidungen treffen. Und auch wenn die Intuition manchmal Vorteile bietet und nicht völlig unsystematisch vorgeht, kann sie der Vernunft unterm Strich nicht das Wasser reichen, wenn es um gute Entscheidungen geht. Das richtig darzustellen, ist sehr wichtig, wenn wir die Welt verbessern wollen.

Liebe Grüße

Hugin & Munin

 

P.S.: Hier noch ein cooles Video zum Thema von Daniel Gilbert, der unter anderem Erkenntnisse von Daniel Kahneman vorstellt:

 

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