3 falsche Vorstellungen von Wissenschaftlichkeit, die gerade herumgeistern

Das Wichtigste in Kürze:

    • In Zeiten der Coronapandemie werden von manchen Verteidigern der Wissenschaft vermehrt Halbwahrheiten verbreitet. Diese Schaden dem Ansehen der Wissenschaft und erschweren den Diskurs auf illegitime Weise.
    • Die falschen Ideen: „Die Wissenschaft liefert absolute Fakten“, „Daten sprechen für sich selbst“, „Wissenschaftlichkeit bedeutet, Experten und Studien zu glauben“
    • Diese falschen Ideen entspringen Halbwissen und dem Wunsch, mit größter Macht gegen Fake News zu kämpfen. Doch wer Wissenschaft glaubhaft und effektiv verteidigen will, muss dabei die Bescheidenheit und Differenziertheit respektieren, die der Methode innewohnt.  

 

„Wofür halten Sie die Wissenschaft? Es ist keine Zauberei. Es handelt sich dabei lediglich um eine systematische Art, gewissenhaft und gründlich die Natur zu untersuchen und die Resultate anhand von stimmiger Logik auszuwerten. Womit sind Sie nicht einverstanden? Mit dem gründlichen Vorgehen? Mit der gewissenhaften Beobachtung? Mit der systematischen Herangehensweise? Oder mit dem Gebrauch stimmiger Logik?“ -Steven Novella

Wir sind Fans von Wissenschaft. Die wissenschaftliche Methode ist eine große Errungenschaft, die ihrerseits wiederum etliche große Errungenschaften hervorgebracht hat – und die sind schlagende Beweise dafür, dass diese Methode eine gute Idee ist. Sie reduziert systematisch den Einfluss von Denkfehlern und erreicht so die höchste Chance, zu korrekten Ergebnissen zu kommen. Und darum ist es auch toll, dass die Wissenschaft aktuell, während der Coronakrise, so stark ins Zentrum gerückt wird. Doch das wird nicht immer sauber gemacht, was zu Problemen für den Diskurs führt.

Das Grundproblem besteht darin, dass falsche Ideen von „Wissenschaftlichkeit“ im Diskurs kursieren. Anhand dieser Ideen verbreiten Wissenschaftsanhänger:innen Halbwahrheiten, Schaden dem Ansehen der Wissenschaft und gehen illegitim gegen andere Meinungen und Kritik vor. Schauen wir uns an, was diese korrekturbedürftigen Ideen sind.

Falsche Idee 1: Wissenschaft liefert absolute Fakten

Bisweilen verhalten sich manche Leute im Diskurs nicht nur so, als wäre die Wissenschaft die zuverlässigste Methode, um sich an Wahrheiten über die Welt anzunähern, sondern überspannen den Bogen und reden, als wären wissenschaftliche Erkenntnisse unter Garantie in Stein gemeisselte, objektive Wahrheit, gültig von nun an in Ewigkeit. Schon eine grundlegende Auseinandersetzung mit Erkenntnistheorie zeigt: Außer in der abstrakten Logik/Mathematik ist es uns nicht möglich, etwas jenseits jeglicher Zweifel zu beweisen. Und würden wir das jemals anders sehen, würden wir uns in große Gefahr begeben – und könnten den wissenschaftlichen Betrieb nach und nach einstellen.

Die Wissenschaft reduziert clever den Einfluss von Denkfehlern, aber selbst wenn die Methode absolut rigoros angewandt wird, kann sie ihn nie ganz sicher völlig ausschalten. Wissenschaftler sind und bleiben Menschen mit fehleranfälliger Wahrnehmung, Voreingenommenheiten und Interessen. Und wir haben nur dann eine Chance, Ergebnisse zu korrigieren, wenn wir nicht davon ausgehen, dass es sich dabei um unumstößliche Fakten handelt. Unzählige wissenschaftliche Erkenntnisse mussten im Verlauf der Geschichte verworfen, korrigiert oder neu eingeordnet werden, und das ist bis heute an der Tagesordnung in der Wissenschaft. Um mit dem vielleicht größten Wissenschaftsphilosophen aller Zeiten, Karl Popper, zu sprechen:

„Obwohl wir in der Wissenschaft unser Bestes tun, die Wahrheit zu finden, sind wir uns doch des Umstandes wohl bewusst, dass wir nie sicher sein können, ob wir sie gefunden haben. Wir haben in der Vergangenheit aus vielen Enttäuschungen gelernt, dass wir niemals Endgültigkeit erwarten dürfen, und wir haben gelernt, nicht mehr enttäuscht zu sein, wenn unsere wissenschaftlichen Theorien widerlegt werden.“ (aus: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde)

Könnten wir davon ausgehen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse absolut wahr sind, so könnten und müssten wir etliche Forschungsgebiete „stilllegen“, da wir die Wahrheit darüber bereits wissenschaftlich erkannt haben und es keinen Zweifel mehr daran geben kann. Wir halten fest: Die Wissenschaft ist anderen Methoden prinzipiell überlegen, was Erkenntnisse über die Welt betrifft. Doch die Idee, die Wissenschaft produziere absolute Fakten, widerspricht der Philosophie der Wissenschaft selbst fundamental.

Siehe auch:
Gedankengärung - so solltest du Ideen präzisieren und prüfen

Falsche Idee 2: Daten sprechen für sich selbst

„Wer Zahlen sprechen hört, sollte zum Arzt gehen“, schrieb Biostatistiker und Wissenschaftskommunikator Servan Grüninger unlängst. Das ist das Humesche Gesetz: Aus dem, was ist, kann nicht automatisch abgeleitet werden, was sein soll. Und die Wissenschaft beschäftigt sich ausschließlich mit dem, was ist. Doch das geht im Diskurs aktuell immer wieder vergessen und die Leute tun so, als müsse man nur ein paar Zahlen anschauen, und schon sei klar, was die einzig richtige, „wissenschaftliche“ Vorgehensweise sei. Tobias Unruh schrieb:

„Man könnte nun meinen, die Frage nach dem richtigen Umgang einer Gesellschaft mit ansteckenden Krankheiten sei wissenschaftlich zu beantworten. Das ist aber nicht der Fall. Es handelt sich um eine Frage, die individuell und gesellschaftlich mit jeweils guten Gründen sehr unterschiedlich beantwortet werden kann. Dabei kann nicht entschieden werden, welche Antwort richtig und welche falsch ist, denn es gibt kein absolut gültiges moralisches oder ethisches Maß, nach dem wir uns richten könnten, so sehr man sich das auch wünschen würde.“ (aus: „Wissenschaft ist nicht politisch!“)

Mit dem, was wir tun sollen, beschäftigt sich nicht die Wissenschaft, sondern die Philosophie, genauer gesagt die Ethik. Dort legen wir fest, welche Werte und Ziele wir haben. Und wenn wir Werte und Ziele festgelegt haben, dann können wir in diesem Licht die Daten anschauen und feststellen, welche Maßnahmen angesichts der Realität die besten wären, um unsere Ziele zu erreichen. Eine Studie sagt uns genausowenig, was wir tun sollen, wie uns eine Landkarte sagt, wo wir hinfahren sollen.

Bestimme Vorgehensweisen in der Pandemie als „wissenschaftlich/unwissenschaftlich“ zu bezeichnen, ist, als würde man eine Route als „geographisch richtig/falsch“ betiteln. Eine Landkarte kann geographisch richtig oder falsch sein, und wir benutzen sie als Entscheidungsgrundlage für unsere Route. Doch die Wahl der Route ist selbst kein wissenschaftlicher Prozess, sondern einer, der von unseren subjektiven Prioritäten abhängt und von der Wissenschaft lediglich informiert wird. Wir halten fest:

Wir müssen stets klar trennen zwischen wissenschaftlichen Daten und Handlungsvorschlägen. Handlungsvorschläge ergeben sich nicht aus Daten allein, sondern anhand von subjektiven Werten und Zielen, über die diskutiert werden kann und muss.

Siehe auch:
Metaphorische Wahrheit: Wenn Falschheiten nützlich sind

Problem 3: Wissenschaftlichkeit bedeutet, Experten und Studien zu glauben

Die Informationsflut, der wir postmodernen Menschen uns gegenüber sehen, ist eine große Herausforderung. Um dem beizukommen, benutzen wir gerne Heuristiken, Faustregeln, die nicht ganz verkehrt sind, aber wegen ihrer Undifferenziertheit auch Probleme mit sich bringen. Dazu gehört das Autoritätsargument: Etwas ist wahr, weil ein Experte es geäußert hat / falsch, weil es von einem Laien kommt. Aktuell ist zu beobachten, dass dieses Denken zu einem Standard der „Wissenschaftlichkeit“ erhoben wird: Wissenschaftlich sei es, Experten zu vertrauen und bestimmte Positionen zu vertreten, die wissenschaftlich erwiesen scheinen.

Auch hier findet sich ein grundlegendes Missverständnis. Weder Personen, noch wissenschaftliche Erkenntnisse sind „die Wissenschaft“. Die Wissenschaft ist weder ein Autoritätsgremium noch ein Katalog von Aussagen. Die Wissenschaft ist eine Methode. Und daraus folgt, dass Wissenschaftlichkeit nicht darin bestehen kann, dass man Experten vertraut oder bestimmte Studienergebnisse glaubt. Wissenschaftlichkeit besteht einzig in der Anwendung der wissenschaftlichen Methode. Wer den Geist dieser Methode ehrt, der geht wissenschaftlich vor, wer ihn nicht respektiert, dessen Verhalten darf man unwissenschaftlich nennen.

Das bedeutet selbstredend nicht, dass man Experten nicht vertrauen oder Studienergebnisse nicht glauben sollte. Es bedeutet nur, dass sich Wissenschaftlichkeit nicht daran bemisst, sondern an der Orientierung an einer Methode. Wir halten fest: Man ist nicht wissenschaftlich, wenn man bestimmten Leuten vertraut oder bestimmte Dinge glaubt. Man ist wissenschaftlich, wenn man ergebnisoffen, präzise, rigoros und mit Respekt für Logik und Belege vorgeht.

Warum das alles?

Woher kommen diese drei fehlerhaften Ideen? Es scheint, als wären sie nicht nur Produkte von Halbwissen über Wissenschaft und ökonomisch begründete Heuristiken, sondern als würden sie auch gefördert vom Kampf gegen „Fake News“. Man hat das Gefühl, dass man all den Querdenkern und Impfgegnern zu viel Raum lässt, wenn man genau ist und zugibt: Ja, wissenschaftliche Erkenntnisse können nie als ganz sicher gelten. Ja, Handlungsvorschläge ergeben sich nicht automatisch aus Daten. Ja, Experten vertrauen und Studien glauben ist keine völlig idiotensichere Vorgehensweise.

Doch würden diese Zugeständnisse wirklich jedem Schwachsinn Tür und Tor öffnen? Keineswegs. Eine Verteidigung der Wissenschaft, die Unfehlbarkeit und Gewissheit behauptet, die Daten und Handlungsvorschläge gleichsetzt und unreflektierten Autoritätsglauben und Dogmatismus predigt, ist extrem leicht zu Fall zu bringen. Berechtigte Einwände einzugestehen und dann gelassen aufzuzeigen, warum Wissenschaft dennoch vertrauenswürdig ist und man nicht jede zusammengesponnene Idee damit beweisen kann, dass die Wissenschaft aber auch nicht alles weiß, ist dagegen sehr viel mächtiger.

Gerade WEIL die Wissenschaft bescheiden und differenziert ist, ist sie so eine großartige Sache und verdient zwar keinen blinden Glauben, aber doch ein gewisses Vertrauen. Wem Wissenschaft am Herzen liegt, der sollte ihren Geist verstehen, schätzen und danach handeln. So nimmt man trivialen Einwänden den Wind aus den Segeln und tut etwas für den guten Ruf einer tollen Methode.

 

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