Der Gutmenschen-Konflikt: Gesinnungsethik vs. Verantwortungsethik

hass ist krass liebe ist krasser

Was ist ethisch richtiges Handeln? Diese Frage beschäftigt die Menschheit seit langer, langer Zeit. Eine bestimmte Art, darüber nachzudenken, setzt sich seit einiger Zeit stark im öffentlichen Diskurs und den Medien fest und verunmöglicht produktive Gespräche: die Gesinnungsethik. Sie stellt eine stellenweise wichtige Perspektive dar, ist aber unserer Ansicht nach meist ein schlechtes Werkzeug.

„In vielen Debatten haben Emotionen und der Verweis auf die richtige Moral die diskursive Vorherrschaft erlangt und evidenzbasiertes und sachliches Diskutieren abgelöst. Eine Debatte gewinnt man nicht mehr mit Zahlen und Fakten, sondern mit der richtigen Haltung.“

Zu diesem Schluss kommen Tobias Wolfram, Felix Urban, Michael Tezlak und Johannes Kurzbuch in ihrem empfehlenswerten Buch „Produktives Streiten – Auswege aus einer defizitären Debattenkultur“. Wir finden es schwer, dagegen zu argumentieren. Und wir verbringen viel Zeit damit, die heutige Debattenkultur zu analysieren und ihre Dynamiken und Ursachen zu ergründen. Eine hervorragende Hilfestellung dafür bot uns „Produktives Streiten“ mit dem Hinweis auf einen Konflikt, der in gesellschaftlichen Debatten der heutigen Zeit häufig vorkommt: den Konflikt zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Diese beiden Begriffe prägte vor allem der Soziologe Max Weber in seiner Rede „Politik als Beruf“. Was genau sind Gesinnungs- und Verantwortungsethik?

Was ist Verantwortungsethik?

Verantwortungsethik meint eine Art, über Ethik nachzudenken, bei der die Konsequenzen von Handlungen und deren Verantwortbarkeit im Vordergrund stehen. Die Absichten hinter Handlungen sind in der Verantwortungsethik sekundär – was zählt, sind die Folgen. Verantwortungsethikern reicht es nicht, etwas zu tun oder zu begrüßen, weil es einem bestimmten Wertesystem nach „das Richtige“ sei oder weil eine gute Absicht dahinter steht.

Was ist Gesinnungsethik?

Wer gesinnungsethisch denkt, legt den Fokus auf Absichten und die richtige Haltung. Richtig handelt der Gesinnungsethik nach, wer nach bestimmten Prinzipien und Werten handelt – ungeachtet der Konsequenzen seiner Handlungen. Gesinnungsethiker plädieren dafür, etwas zu tun, weil es „einfach das Richtige ist“. Wer über Konsequenzen sprechen will, erntet von Gesinnungsethikern meist nur Empörung, da „das Richtige“ in Frage gestellt wurde.

In diesen Definitionen dürfte sich der vorprogrammierte Konflikt schon herauskristallisieren: In ethischen Fragen stehen sich häufig Leute gegenüber, die unterschiedliche Ansprüche daran haben, was das richtige Vorgehen ist. In den Worten von Wolfram, Urban, Tezlak und Kurzbuch: Sie sprechen unterschiedliche moralische Sprachen – und wer nicht die selbe Sprache spricht, kann einander nicht verstehen.

Die Begriffe der Gesinnungs- und Verantwortungsethik machen viele Konflikte in unseren Diskursen verständlicher. Insbesondere wird klarer, warum viele Diskussionen so erbittert und unproduktiv geführt werden: Weil beide Seiten aus Sicht der anderen Seite die fundamentalen Prinzipien missachten, die beachtet werden müssen, um das richtige Vorgehen zu bestimmen. Somit müssen die beiden Seiten einander als unmoralisch erscheinen und die Argumente der einen müssen bei der anderen abprallen, da sie einer anderen Logik folgen. Der Verantwortungsethiker erscheint dem Gesinnungsethiker als prinzipienlos-berechnender Soziopath, während er selbst im Gesinnungsethiker einen gefährlich naiven Idealisten sieht.

Der Gutmensch als Gesinnungsethiker

Wenn man durch diese Brille auf unsere Diskurse schaut, wird klar, wie der Begriff „Gutmensch“, das Unwort des Jahres 2015, oft zu verstehen ist: Meist ist er gewissermassen als Schimpfwort für Gesinnungsethiker gedacht. Er bezeichnet Menschen, die ethisch naiv sind, weil sie eine feste, klare Vorstellung von „gutem“ Handeln haben, aber die Konsequenzen dieses Handelns ausblenden. Ein Gutmensch argumentiert zum Beispiel, dass Werte wie Toleranz und Weltoffenheit uns dazu verpflichten, Flüchtlinge aufzunehmen – ganz egal, was die Konsequenzen davon sind. Er sagt, es sei einfach „das Richtige“ – er ist Gesinnungsethiker.

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Funktioniert die Vernunft überhaupt?

Für einen Verantwortungsethiker zählen primär oder ausschliesslich die Konsequenzen einer Tat. Ein „wahrer“ Gutmensch wird sich mit so jemandem nicht auf eine Debatte über die Konsequenzen einer offenen Migrationspolitik einlassen, da Konsequenzen für ihn unerheblich oder zumindest sekundär sind – was richtig und falsch ist, bemisst sich für ihn an vorgeschriebenen Werten und Prinzipien. Wer nicht an Werte und Prinzipien appelliert, sondern an Konsequenzen von Handlungen, der spricht die falsche Sprache und kann sich bei ihm nicht verständlich machen. Im Gegenteil: Er hat aus der Sicht des Gutmenschen die falsche Haltung und verhält sich somit unmoralisch. Er will das Richtige in Frage stellen – daran kann nichts Gutes sein!

Wichtig: Nicht jeder Linke ist Gesinnungsethiker und nicht jeder Rechte Verantwortungsethiker. Natürlich gibt es auch Linke, die zum Beispiel mit positiven Folgen von Migration argumentieren und Rechte, die es ungeachtet der Konsequenzen als aus Prinzip richtig ansehen, dass Völker unter sich bleiben sollten.

Wer liegt denn nun eigentlich richtig – Gesinnungs- oder Verantwortungsethiker? Das lässt sich so pauschal nicht beantworten. Wir finden aber, die Verantwortungsethik sollte einen höheren Status innehaben.

Die Probleme der Gesinnungsethik

Das fundamentale Problem der Gesinnungsethik beschreibt Wikipedia bereits im zweiten Satz des Artikels zum Thema:

„Auch Gesinnungsethiker müssen jedoch vor ihren Handlungen die erwarteten Handlungsfolgen gründlich und angemessen beurteilen und in ihr Urteil über eine moralisch richtige Handlung einbeziehen.“

Auch wir können uns Ethik nicht frei vom Berücksichtigen der Konsequenzen von Handlungen denken. Wenn man richtig handeln will, reichen gute Absichten und rein theoretisch erdachte Prinzipien und Werte nicht aus – es muss ganz zentral darum gehen, was eine Tat konkret in der Welt bewirkt. Es reicht nicht, anderen helfen zu wollen, wenn ich ihnen letztlich gar nicht wirklich helfe. Deswegen finden wir den Trend zur Gesinnungsethik in der öffentlichen Debatte und den Medien bedenklich: Wenn es nur noch darum geht, gemäss einer bestimmten Ideologie die „richtige Haltung“ zu zeigen, sind wir damit ethisch noch lange nicht aus dem Schneider – und wir verunglimpfen Verantwortungsethiker fälschlicherweise als böse Monster, obwohl wir ihre Denkweise dringend brauchen.

Gesinnungsethisches Denken rührt zudem oft aus zwei bedenklichen Gründen her:

1. Fehlende Begründungen

Häufig ist Gesinnungsethik dogmatisch, und Dogmatik hat zwei negative Eigenschaften: Sie kommt ohne Rechtfertigung aus und ist unkorrigierbar. Wer gesinnungsethisch argumentiert, tut das häufig, weil er über seine Ideen nicht ausreichend nachgedacht hat und sie nicht hinreichend begründen kann. Seine Haltung ist also willkürlich und damit höchst kritikbedürftig und schließt zugleich die meiste Kritik von vornherein aus.

Wie problematisch das ist, demonstriert immer wieder die fundamental gesinnungsethisch funktionierende religiöse Moral, in der Gebote meist nur damit begründet werden, sie seien Gottes Wille und entsprächen somit der richtigen christlichen/islamischen Gesinnung. Dies öffnet jeglicher Unmoral Tür und Tor, da so alles „begründet“ werden und als „das Richtige“ ausgewiesen werden kann. Um dem vorzubeugen, brauchen wir gute Begründungen und Gespräche über die Konsequenzen von Handlungen.

2. Fehlgeleitete Verantwortungsethik

Nicht selten verbirgt sich hinter einer gesinnungsethischen Haltung auch einfach nur eine naive, verallgemeinernde Verantwortungsethik: Man hält etwas für grundsätzlich richtig, da es immer und überall positive Folgen habe. Solches Denken muss dann aufgedeckt werden, damit klar wird, dass es eben doch um Konsequenzen geht und diese angeschaut und bewertet werden müssen.

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Vorsicht, wenn Religionen von Liebe reden

Die richtige Balance

Gesinnungsethik kann gefährlich sein – vollkommen irrelevant ist die Berücksichtigung von Werten, Prinzipien und Absichten in der Ethik deswegen aber natürlich nicht. Wie auch schon Max Weber schloss, brauchen wir eine gesunde Balance zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik, damit beide Ansätze sinnvoll eingesetzt werden. Das könnte zum Beispiel so aussehen:

  • Alle Ethik beginnt mit einer Diskussion über die Grundgesinnung: Welche Ziele wollen wir mit unserer Ethik erreichen? Welche Werte wollen wir als grundlegende Wegweiser für unsere Ethik benutzen? Wenn wir gewisse Werte in einer Situation anderen unterordnen müssen, wie soll die Hierarchie dann aussehen?
  • Anschliessend geht es um Gesetzes- und Handlungsvorschläge. Diese müssen nun verantwortungsethisch betrachtet werden: Was wären die Folgen eines solchen Gesetzes/einer solchen Handlung? Können wir diese verantworten?
  • Eine besondere Balance verlangt die Justiz: Beim Bewerten von geschehenen Handlungen sollte sowohl gesinnungs- als auch verantwortungsethisch gedacht werden. Wir sollten also nicht nur berücksichtigen, was jemand getan hat, sondern auch, warum. Dies vor allem deshalb, weil uns die Motive eines Straftäters viel darüber sagen können, wie gefährlich er in Zukunft sein wird und wie wir folglich mit ihm umgehen sollten.

Wie rede ich mit Gesinnungsethikern/Verantwortungsethikern?

Was können wir nun aus all dem lernen? Die zentrale Lektion lautet: Menschen setzen beim Nachdenken über Ethik unterschiedliche Schwerpunkte. Dadurch entsteht oft ein Graben, der nicht zu überbrücken ist, wenn beide Seiten strikt bei ihrer eigenen Logik bleiben. Deshalb lautet das Rezept: Erklären Sie Ihre Sprache oder lernen Sie die Fremdsprache!

So reden Sie mit Gesinnungsethikern

Wenn Sie in einer Frage verantwortungsethisch denken und jemand partout nicht über die Konsequenzen einer Tat sprechen möchte, dann wissen Sie jetzt: Er denkt anhand von Werten und Prinzipien über diese Frage nach. Sie haben also die Wahl zwischen zwei Strategien, um die Chance auf ein produktiveres Gespräch zu erhöhen:

  1. Starten Sie eine Diskussion darüber, ob die Konsequenzen einer Handlung zählen. Versuchen Sie Ihrem Gegenüber anhand von Beispielen zu zeigen, dass auch ihm Konsequenzen wichtig sind. Bei wirklich strengen Gesinnungsethikern werden Sie damit aber nicht durchkommen.
  2. Sprechen Sie die Sprache der Gesinnungsethik und zeigen Sie, welche Werte, Prinzipien und Absichten hinter Ihrer Sichtweise stehen und warum diese legitim sind. Vielleicht können Sie sogar zeigen, dass die Werte, Prinzipien und Absichten, die Ihr Gegenüber als Basis für seine Sichtweise benutzt, eigentlich auch für Ihre Sichtweise sprechen könnten.

So reden Sie mit Verantwortungsethikern

Wenn Sie in einer Frage gesinnungsethisch denken und jemand partout nicht über die Absichten und Werte hinter einer Tat sprechen möchte, dann wissen Sie jetzt: Er denkt anhand von Konsequenzen und Verantwortbarkeit über diese Frage nach. Sie haben also die Wahl zwischen zwei Strategien, um die Chance auf ein produktiveres Gespräch zu erhöhen:

  1. Starten Sie eine Diskussion darüber, ob die Absichten, Werte und Prinzipien hinter einer Handlung zählen. Versuchen Sie Ihrem Gegenüber anhand von Beispielen zu zeigen, dass auch ihm Absichten wichtig sind. Bei wirklich strengen Verantwortungsethikern werden Sie damit aber nicht durchkommen.
  2. Sprechen Sie die Sprache der Verantwortungsethik und zeigen Sie, auf welche Konsequenzen Sie abzielen und warum diese wünschenswert sind. Vielleicht können Sie sogar zeigen, dass die Konsequenzen, die Ihr Gegenüber erreichen oder vermeiden möchte, eigentlich durch Ihren Vorschlag eher erreicht oder vermieden werden.

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