Warum Facebook die Finger von Fact Checking lassen sollte

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Facebook wurde in letzter Zeit massiv von Usern und Unternehmen unter Druck gesetzt. Man wollte, dass Mark Zuckerbergs Plattform möglichst akribisch Inhalte auf Falschinformationen untersucht. Zuckerberg gab zum Glück nur teilweise nach, und es ist zu hoffen, dass es dabei bleibt. Facebooks Fact Checking, das zunehmend auf der ganzen Welt ausgerollt wird, ist nämlich unter dem Strich für niemanden wünschenswert.

Viele Menschen fordern aktuell Facebook dazu auf, mit maximaler Kraft gegen Falschinformationen vorzugehen. Das Motiv ist mehr als verständlich. Gleichzeitig gilt es, sich vor Augen zu führen, welche Konsequenzen dieses Vorgehen genau hätte. Je größer der Einfluss einer Ansicht auf die Welt ist, desto forscher sollte man sie prüfen. Der Einfluss eines umfassenden Fact Checkings bei Facebook wäre gewaltig – umso mehr ist also eine Prüfung dieser Idee geboten.

Was bedeutet Faktenprüfung?

Zuallererst muss die wichtigste Frage geklärt werden: Was verstehen wir überhaupt unter Fact Checking? Was Facebook aktuell darunter versteht, lässt sich hier nachlesen. Es geht darum, dass unabhängige Organisationen sowie KI-Algorithmen die Posts auf Facebook durchforsten und auf falsche Behauptungen untersuchen. Finden sie die, so wird der entsprechende Post mit einer Warnung versehen. Das sieht dann so aus:

faktenprüfung beispiel

Wer auf die Warnung klickt, wird zu Artikeln weitergeleitet, die die Falschaussagen richtigstellen sollen. Nach eigenen Angaben hat Facebook zum Beispiel im März dieses Jahres rund 40 Millionen Posts zu COVID19 mit einer solchen Warnung versehen. 95 % der UserInnen, die so eine Warnung angezeigt bekamen, sahen sich den geprüften Post nicht näher an.

Die Kritik an der Facebook-Faktenprüfung

Warum sollte Facebook mit dieser Praxis aufhören? Hier das Argumentarium.

1. Da der gesellschaftliche Diskurs zu riesigen Anteilen auf Facebook stattfindet, hat die Meinungs- und Redefreiheit auch dort voll zu gelten

Auf Facebook findet zu enorm beträchtlichen Teilen der öffentliche Diskurs unserer Gesellschaften statt. Und da das Prinzip der Meinungs- und Redefreiheit für den öffentlichen Diskurs gedacht ist, wäre es eine Farce, wenn es auf Facebook nicht gelten würde. Die Begründer von Meinungs- und Redefreiheit haben die Pflicht zur Sicherstellung der Meinungsfreiheit deswegen nur dem Staat auferlegt, da sie nicht antizipieren konnten, dass der gesellschaftliche Diskurs dereinst primär über Plattformen von privaten Unternehmen ablaufen würde. Facebook nimmt als Mittler unserer Diskurse mit dem Fact Checking die Rolle eines Ministeriums für Wahrheit ein, und so etwas sollten wir aus sehr guten Gründen nicht akzeptieren.

2. Es ist nicht einfach, zu bestimmen, was ein Fakt ist und was nicht

Die Idee der Einschränkung der Redefreiheit anhand einer Faktenprüfung geht davon aus, dass es immer eine klare Grenze zwischen Falschheit und Fakt gibt und dass wir heute unbestreitbares, absolut wahres Wissen besitzen. Das ist eine angenehme, aber auch naive und gefährliche Illusion. Wie Ihnen jeder fachkundige Wissenschaftler oder Philosoph sagen wird, können wir nie mit letzter Genauigkeit bestimmen, dass wir die absolute Wahrheit gefunden haben. Wenn wir mit unseren heutigen Annahmen Fact Checking betreiben, wenn wir es also als gerechtfertigt ansehen, damit die Meinungs- und Redefreiheit zu beschneiden, dann impliziert das, dass wir mit der Wissenschaft aufhören können – wir wissen ja bereits alles und es gibt keine Möglichkeit, dass wir teilweise geschweige denn ganz falsch liegen.

Ab wann ist eine Aussage ein Fakt? Wenn es ein gutes Argument dafür gibt? Wenn es eine Studie gibt, die sie zu belegen scheint? Oder erst nach zwei Studien, oder nach zehn? Was für Studien müssen das sein? Was, wenn es Studien gibt, die die Ergebnisse ganz oder teilweise in Frage stellen? Wissenschaftliche „Fakten“ sind die aktuell besten Erklärungen für Phänomene, aber nie absolute Wahrheiten. Es ist gefährlich, so zu tun, als wäre dem anders.

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Es gibt bessere und schlechtere Argumente, es gibt gut belegte Aussagen und Aussagen, die im Widerspruch zu bisheriger Forschung stehen. Es gibt Spekulation, lautes Nachdenken, Infragestellen, Interpretation und vieles mehr. Der Versuch, dieses komplexe Meer des öffentlichen Diskurses in zwei Schubladen mit der Aufschrift „wahr“ und „falsch“ einteilen zu wollen, kann nur schiefgehen – und das hätte üble Folgen für die Wahrheitssuche unserer offenen Gesellschaften.

3. Faktenprüfer, die über die Redefreiheit bestimmen, müssten maximal objektiv sein

Legen Sie den selben Post zehn FaktenprüferInnen vor und Sie könnten gut und gern zehn verschiedene Bewertungen und Vorgehensweisen erhalten. Natürlich können Menschen generell Argumente und Aussagen beurteilen und auch mal objektive Bewertungen vornehmen. Zugleich gilt es, sich vor Augen zu führen, dass die Faktenprüfer nicht Teilnehmende im Diskurs sind, sondern als Richter über wahr und falsch die Redefreiheit anderer bestimmen sollen. Es gibt gute Gründe, warum die Urheber unserer Werte nicht wollten, dass jemals jemand in diese Position kommt. Denn dann können die Auswirkungen der Voreingenommenheit des Individuums fatal sein.

 

facebook faktenprüfung

 

4. Facebook ist schon bei „anstößigen Inhalten“ sehr inkompetent

Was auch nicht vergessen gehen darf: Facebook ist schon länger damit beschäftigt, Inhalte zu checken. Mark Zuckerbergs Firma kämpft schon länger gegen „anstößige Inhalte“ – und das funktioniert mehr schlecht als recht. Der Aufwand ist riesig und die Verlässlichkeit der Urteile gering, obwohl Facebook bereits seit Jahren daran arbeitet. Und nun soll die Plattform hier noch ein riesiges neues Gebiet mit noch weitaus anspruchsvollerem Checking und weitaus größerem möglichem Schaden erschließen? Es deutet wenig darauf hin, dass Facebook hier einen besseren Job machen wird – ganz im Gegenteil.

5. Menschen können es kaum gut machen – Algorithmen noch viel weniger

„Angesichts der Vielzahl an Inhalten sind der manuellen Überprüfung von Beiträgen durch Faktenprüfer Grenzen gesetzt. Deshalb nutzen wir Erkenntnisse aus der Zusammenarbeit auch für die Verbesserung unserer automatisierten Systeme. Mithilfe von Machine Learning können Muster so besser erkannt und die Verbreitung von Falschmeldungen nachhaltig eingeschränkt werden.“

Dies schreibt Facebook in einer Mitteilung vom 12. Mai 2020. Wir haben bereits skizziert, warum schon Menschen die Finger davon lassen sollten, über die Redefreiheit zu bestimmen. Wer sich ein klein wenig damit auseinandergesetzt hat, wie schwierig es ist, Facebook-Posts auf vernünftiger Basis in die Kategorie „wahr“ oder „falsch“ einzuteilen, der wird die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn suggeriert wird, man könne das einem Algorithmus beibringen. Künstliche Intelligenz wäre zwar nicht auf menschliche Weise voreingenommen. Gleichzeitig muss man sehen, wie komplex, schwierig und ethisch fragwürdig die Arbeit der Faktenprüfung ist – und dass natürlich ein Algorithmus seine eigene Voreingenommenheit einprogrammiert bekommen oder entwickeln kann.

6. Selbst wenn es einfach wäre, sollte man Falschinformationen nicht als solche brandmarken

Die Ergebnisse von Facebooks bisherigem Vorgehen zeigen wie oben erwähnt, dass beinahe alle User einen Post nicht ansehen, wenn er als Falschinformation markiert wurde. Man könnte solche Posts also genausogut löschen. Das demonstriert erst einmal eindrücklich die Tragweite des Fact Checking: Facebook hat hier eine gewaltige Macht über den öffentlichen Diskurs und damit über das Denken und Handeln der Menschen. Wenn die Prüferei nicht gut umgesetzt wird – und das scheint extrem wahrscheinlich – könnten sich Probleme orwellschen Ausmaßes entwickeln.

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Doch selbst dann, wenn man das Fact Checking „gut“ umsetzen könnte, sollte man es nicht. Die Gründe dafür beschreibt Facebook selbst am besten:

„Unser Ansatz fußt auf Facebooks grundlegenden Überzeugungen: Wir machen uns stark für freie Meinungsäußerung und respektieren demokratische Grundwerte. Außerdem sind wir der Meinung, dass gerade in reifen Demokratien, in denen Pressefreiheit herrscht, keine Äußerungen so sehr unter die Lupe genommen werden wie politische Äußerungen. Eine Einschränkung der politischen Meinungsäußerung würde zudem dazu führen, dass Bürgerinnen und Bürger weniger über die Meinungen ihrer gewählten Regierungsbeamten informiert wären und sich Politiker weniger für ihre Aussagen verantworten müssten.“

Facebook sah sich dazu gezwungen, diese Philosophie auf politische Äußerungen von Politikern zu beschränken. Jedoch ist klar, dass die Argumentation für die Gesellschaft als Ganzes gelten muss. Die ganze Gesellschaft genießt das Recht auf freie Meinungsäußerung und demokratische Grundwerte. Wir sollten über die Meinungen unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger informiert sein und sie sollten sich für ihre Aussagen öffentlich verantworten müssen. Deswegen gibt es Meinungs- und Redefreiheit. Und wenn uns die irgendetwas wert ist, muss sie auch auf Facebook voll gelten.

Fazit

Stellen Sie sich vor, es gäbe so ein „Fact Checking“ in der Welt der Wissenschaft. Man würde jede Idee, jede Aussage, jede Spekulation und Argumentation von ForscherInnen prüfen und dann mit einem Warnhinweis versehen, wenn sie gängigen Interpretationen bisheriger Forschung widerspricht. Das Ergebnis wäre eine orwellsche Dystopie, in der das freie Denken und die Wahrheitssuche abgeschafft sind und sich die Leute in konstanter Paranoia selbst zensieren, um nicht in Ungnade zu fallen.

Menschen müssen frei nachdenken, spekulieren, kritisieren und ihre Gedanken äußern können. Das ist ein Menschenrecht und gut für unsere Gesellschaft. Und Mark Zuckerberg wendet in seinen aktuellen Richtlinien die geforderte Logik bereits auf Politiker an: Wir sollten wissen, was unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger denken, und umgekehrt ist es wünschenswert, dass sie sich mit ihren Meinungen in den öffentlichen Diskurs begeben und ihre Meinungen dort verantworten und prüfen lassen müssen.

Im Jahr 1996 wurde in den USA der Communication Decency Act (CDA) verabschiedet. Mit dem Artikel 230 entkoppelte man das Recht von Online-Plattformanbietern, in die Inhalte der eigenen Plattform einzugreifen, von der Pflicht, für die Inhalte verantwortlich zu sein:

„No provider or user of an interactive computer service shall be treated as the publisher or speaker of any information provided by another information content provider.“

Dieses Gesetz machte den Weg frei für die freie Meinungsäußerung auf Online-Plattformen. Facebook kann für die Aussagen seiner Mitglieder nicht verantwortlich gemacht werden und ist somit auch nicht für den Kampf gegen „Fake News“ und „Hassrede“ verantwortlich. Entsprechend sollte sich die Plattform verhalten. Doch wenn man ein Unternehmen richtig mobbt, wird es spuren. Wir hoffen, dass Facebook nicht noch zu mehr gedrängt wird. Ansonsten wird der freie Online-Diskurs nur noch auf neuen Plattformen wie thinkspot stattfinden können.

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