3 Tricks, um Andersdenkende online ins Nachdenken zu bringen

Das Wichtigste in Kürze:

  • Um Online-Diskussionen produktiver zu machen, müssen wir es vermeiden, Abwehrmechanismen auszulösen und das Gespräch in einen Krieg zwischen „Gut und Böse“ zu verwandeln. Das können wir mit diesen 3 Tricks erreichen: 
  • Stelle dein Gegenargument als das Argument einer anderen Person dar und bitte die Andersdenkenden, dir dabei zu helfen, es zu widerlegen.
  • Anerkenne zu Beginn, dass du die Anliegen, um die es geht, ernst nimmst und die Sichtweisen und guten Absichten der Andersdenkenden nachvollziehen kannst.
  • Wenn du nach Begründungen für Behauptungen fragst, dann formulier das so wenig antagonistisch wie nur möglich.

 

„Debattieren im Netz? Unmöglich!“ Wir verstehen diese Haltung sehr gut. Moralisch aufgeladene Themen im Internet zu diskutieren, ist aus vielen Gründen schwierig. Wenn wir es verbessern könnten, wäre das ungemein wertvoll. Wir haben 3 erprobte Techniken für euch, mit denen ihr Leute dazu bringt, euch zuzuhören.

Im Moment werden in vielen Kommentarspalten und Twitter-Threads meist sofort alle Abwehrmechanismen getriggert und Argumente werden auf jede andere Art beantwortet als inhaltlich und sachlich. Deswegen liegt der Schlüssel zu produktiven Diskussionen darin, das Auslösen dieser Abwehrmechanismen möglichst zu umgehen und es zu vermeiden, dass Andersdenkende sofort denken: „Du bist der Böse, ich bin der Gute.“ Denn von da an kann es eigentlich nur noch bergab gehen. Und nicht bergab wie beim Fahrradfahren, eher wie beim Flugzeugabsturz.

Trick 1: „Könnt ihr mir mit diesem Argument helfen?“

Bei moralisch aufgeladenen Fragen sind viele so ungewillt, sich mit Gegenargumenten zu befassen, dass sie dich schon bei Sichtkontakt abkanzeln werden, wenn du eines vorbringst. Du landest automatisch in der Schublade „böser Mensch“, und darum werden sich die meisten Kommentare drehen, die du als Antwort bekommst. Deshalb lohnt es sich, es den Leuten möglichst schwer zu machen, dich in die Schublade des bösen Gegners zu stecken. Ein einfacher Trick, um das zu erreichen: Präsentier dein Gegenargument nicht als deines. Fang deinen Kommentar an mit einer Variante von:

„Hey Leute, könnt ihr mir mal helfen, dieses Argument zu widerlegen? Jemand aus meiner Freundesliste hat gesagt: *GEGENARGUMENT*“

Dadurch erzeugst du sofort den Eindruck, dass du kein Feind bist, der bekämpft werden muss, und entschärfst damit einen der problematischsten Mechanismen des Antiintellektualismus. Du erschaffst ein Szenario, in dem du und die Andersdenkenden auf der gleichen Seite stehen. Das erschwert es ihnen massiv, dein Argument abzukanzeln, indem sie dich als Person angreifen. Zwar ist es immer noch nicht optimal, dass du sie dazu bringst, sich nur Widerlegungen auszudenken statt offen nachzudenken – aber wenn du die Chance maximieren willst, dass sich die Leute überhaupt mit Gegenargumenten auseinandersetzen, ist diese Taktik etwas vom Besten, was es gibt.

Siehe auch:
Rabendialog #1: Darum gibt es Hugin & Munin

Es werden natürlich nicht alle darauf anspringen, aber unsere Versuche lassen vermuten, dass die Leute sich stärker auf der Sachebene bewegen, als wenn man sich selbst als Gegner positioniert. Die Leute helfen gerne, besonders jemandem, den sie als Mitkämpfer für das Gute wahrnehmen, der gerade Unterstützung im heiligen Krieg gegen den „Hass“ braucht. Und aus diesem Impuls heraus befassen sie sich dann plötzlich mit deinem Gegenargument und versuchen tatsächlich, es inhaltlich zu widerlegen. Sie lesen die Kritik endlich einmal bewusst durch und testen die Standfestigkeit ihrer Ideologie damit – das ist ein weitaus grösserer Gewinn als das, was man im Durchschnitt so erwarten kann, wenn man im Netz Gegenargumente einfach „nackt“ postet.

 

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Trick 2: „Boah, Wahnsinn!“

Die Aussagen, auf die du antwortest, sind wahrscheinlich oft moralisch aufgeladen, weisen auf einen gesellschaftlichen Missstand hin, wollen eine Verbesserungsmassnahme propagieren oder Ähnliches. Die Motivation dahinter ist in den meisten Fällen der bereits angesprochene Trieb, sich selbst und anderen gegenüber als guter Mensch zu gelten. Darum kann es ein sehr mächtiges Werkzeug sein, am Anfang des eigenen Kommentars auf diesen Trieb einzugehen, mit einer Variante dieser Aussage:

„Krass, das wäre ja echt der Wahnsinn, wenn das stimmt! Verstehe vollkommen, dass du das thematisierst.“

Damit hast du eine Chance, die mächtigste Triebkraft in der Debatte zu „bändigen“ und Abkanzelungsbemühungen der Andersdenkenden den Wind aus den Segeln zu nehmen, bevor sie entstehen können. Du anerkennst das, was ihnen am Wichtigsten ist, nämlich, dass sie es gut meinen und etwas anprangern, das aus ihrer Sicht wirklich schlimm ist. Bekommen die Leute den Eindruck, dass das nicht anerkannt oder sogar bestritten wird, sind sie schnell auf 120 und die rationalen Fakultäten nehmen eine Auszeit. Wenn wir verhindern, dass dieser Eindruck entsteht, so schalten wir eine weitere Bedrohung präventiv aus, die Diskussionen zunichte machen kann. Wieder stellen wir uns mit den Andersdenkenden auf eine Seite: auf die Seite derer, die es gut meinen, die Leid vermindern und Wohlergehen fördern wollen. Das reduziert das Risiko, dass anstelle einer Diskussion ein Krieg ausbricht.

Siehe auch:
Warum es keinen freien Willen gibt

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Trick 3: „Wie hast du das herausgefunden?“

Sprachliches Framing macht enorm viel aus. Man kann die selbe Sache auf sehr viele Arten sagen, und jede Art bringt andere implizite Annahmen, Konnotationen und Wirkungen mit sich. Wie kann man zum Beispiel jemanden bitten, seine Behauptungen zu begründen? Man kann zum Beispiel sagen:

  • Kannst du diesen Bullshit auch beweisen?!
  • Welche Belege gibt es dafür?
  • Was spricht dafür, dass dem so ist?
  • Wie kommst du denn darauf?!

Nicht vergessen: Wir versuchen, es zu vermeiden, dass irrationale Abwehrmechanismen ausgelöst werden, die die Diskussion zerstören. Das heisst, wir sollten die wohlwollendste, am wenigsten antagonistische Variante wählen, und die heisst:

„Wie hast du das herausgefunden?“

Wenn wir die Frage nach Begründungen so formulieren, tun wir im Wesentlichen dasselbe wie bei Trick 1: Wir erzeugen den Eindruck, wir stünden auf der selben Seite wie die andersdenkende Person. Wir setzen im Grunde voraus, dass die Sicht des anderen berechtigt ist. Dadurch werden seine Feindwahrnehmungsinstinkte nicht ausgelöst, das Gespräch bleibt auf der inhaltlichen, sachlichen Ebene und unser Gegenüber tut tatsächlich das, was wir uns wünschen: Es überlegt sich, was für seine Sicht der Dinge spricht. Wenn wir schroff fordern, dass Beweise auf den Tisch gelegt werden, positionieren wir uns als Feind, als Ketzer, als Ungläubiger, und das lenkt das Gespräch meist sofort in die falschen Bahnen.

Fazit

Diskutieren ist anspruchsvoll, braucht viel Übung und Beherrschung und muss je nach Ziel, Setting, Thema und Teilnehmenden unterschiedlich angegangen werden, wenn es produktiv verlaufen soll. Wir testen diese drei Techniken seit einer Weile aus und erzielen damit immer wieder bessere Resultate als früher, als wir noch einfach auf die rohe Gewalt nackter Argumentation setzten. Wir sind überzeugt, dass sie auch euch helfen werden, weniger Frustration und mehr Wahrheitssuche zu generieren. Wenn ihr euch in der Tiefe mit dem Thema beschäftigen und zu Debattenprofis werden wollt, empfehlen wir euch, mit unserem Blogbeitrag über die Grundlagen guter Gespräche weiterzumachen (hier geht’s lang). Gutes Diskutieren wünschen wir euch!

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