Rabendialog #1: Darum gibt es Hugin & Munin

Munin: Also. Warum machen wir das hier eigentlich? Ein ganz zentraler Grund: Weil uns in Diskussionen immer wieder aufgefallen ist, dass wir eigentlich eine andere Debattenkultur bräuchten, wenn wir Lösungen für existierende Probleme finden wollen.

Hugin: Genau. Ganz viele Diskussionen verlaufen enorm unproduktiv, und das müsste nicht sein. Es geht vor allem um Debatten, die emotional aufgeladen sind.

M: Ja, Themen, bei denen jeder das Gefühl hat, er habe den einzig wahren Standpunkt und allem, was davon abweicht, sei nur mit Empörung zu begegnen.

H: Man will der anderen Seite keinen Meter lassen. Und man hat meistens ein falsches Bild von der anderen Seite, weil man sich zu wenig damit beschäftigt hat, weil man den eigenen Standpunkt so unbedingt durchsetzen will… und dann argumentiert man gegen etwas, das der andere gar nicht vertritt, und das ist einfach verschwendete Zeit, und am Ende sind beide Seiten noch tiefer verwurzelt in ihren Ansichten und die Diskussion war kontraproduktiv – das ist einfach schade. Denn Diskussionen sind extrem wichtig, weil die Leute da ihre Überzeugungen überprüfen und ihr Wissen weitergeben können, damit nachher die Ansichten aller möglichst nahe an der Realität sind, denn das ist dann die Basis dafür, wie sie sich in dieser Realität verhalten.

M: Was wir oft feststellen, ist, dass mehr Differenziertheit in Debatten nötig wäre. Wenn wir uns zum Beispiel die Flüchtlingsdebatte anschauen: „Flüchtlinge sind böse und kriminell“ und „Flüchtlinge sind arme Schutzbedürftige“ scheinen die einzigen Standpunkte zu sein, die möglich sind, und jeder empört sich über andere, die nicht genau der gleichen undifferenzierten Meinung sind, da er denkt, dass sein Standpunkt ganz offensichtlich der richtige sei.

H: Ja, dieser „Empörialismus“ macht einfach Debatten von vornherein kaputt. Man hält die eigene Sicht für so offensichtlich wahr, dass man es schon als Skandal betrachtet, sie überhaupt begründen zu müssen. Und man begreift nicht, dass man mit so einer Vorgehensweise überhaupt nichts verändert – zumindest nicht zum Besseren. Niemand, der von einer Meinung bislang nicht überzeugt ist, kann diese nachvollziehen, wenn sie nicht begründet wird. Was dem einen offensichtlich scheint, ist für den anderen reine Täuschung und umgekehrt. Darum muss man aufzeigen, warum man sich eben nicht täuscht. Und wenn man seine Meinung nicht begründet, erweckt man den Eindruck, man könne dies nicht.

M: Wenn ich jemandem einfach die Gutmenschen-Keule oder die Nazikeule über den Schädel ziehe oder was auch immer, dann hinterfragt der erstmal gar nichts, sondern ist tendenziell eher noch gefestigter im eigenen Denken und wird sich noch mehr von Differenziertheit entfernen. Man muss sich fragen: Wie können wir eine Debatte so führen, dass sich möglichst viele von uns möglichst nah an die Wahrheit annähern?

H: Ja, das ist gerade bei den Themen Links gegen Rechts, Flüchtlinge, Nazis, Islam etc. so wichtig. Man sieht ja zum Beispiel, dass es viele Leute gibt, die sich diesem „Kampf gegen Rechts“ verschrieben haben, aber die AfD wächst weiter. Was da seit einiger Zeit versucht wird, scheint also nicht zu funktionieren, ganz im Gegenteil. Und sowas kann man analysieren und ankucken, was da eigentlich passiert und vielleicht passieren sollte – sowohl rechts wie auch links. Das wollen wir versuchen, und nicht nur in der Politik, sondern etwa auch bei wissenschaftlichen oder gesellschaftlichen Themen, bei Dingen wie Respekt und Toleranz gegenüber Meinungen, was ist Rassismus oder Sexismus und was nicht, in der Debatte über Medizin und Alternativmedizin – lauter Themen, bei denen die Leute oft sehr emotional sind, meistens eine sehr klare Meinung haben und bei denen die Debatten sehr schnell ins Unproduktive abgleiten.

Man versucht, den anderen gleich in irgendeine Ecke zu stellen und als unglaubwürdig oder moralisch verwerflich abzukanzeln, damit man dessen Meinung gar nicht erst ernst nehmen muss. Dabei ändert es nichts an der Gültigkeit eines Arguments, wenn eine bestimmte Person es äußert. Und so kann es natürlich keinen Fortschritt geben, wenn sich beide Seiten einfach so einigeln. Es geht ja zum Teil so weit, dass man sagt, die Meinungs- bzw. Redefreiheit solle eingeschränkt werden, ob jetzt nur für Nazis – was ja heutzutage ein recht dehnbarer Begriff geworden ist – oder auch für andere… wie weit die Meinungs- und Redefreiheit gehen sollte, wird heute wieder heiß diskutiert, etwa, weil manche der Meinung sind, dass gewisse Meinungen und Aussagen dasselbe seien wie Intoleranz oder sogar physische Gewalt.

M: Ja, und da heißt es dann zum Beispiel, gewissen Meinungen dürfe keine Bühne geboten werden. Was ist damit eigentlich gemeint? Soll das symbolisch zeigen, dass diese Meinungen ganz schlimm und falsch seien? Steht dahinter die Angst, dass Leute von diesen Meinungen verführt werden könnten? Dass sie Gewalt auslösen könnten? Ich würde sagen: Um einen Narren bloßzustellen, braucht man keine Waffe, sondern eine Bühne. Es entsteht oft der Eindruck, wir hätten vergessen, wie wichtig eine gute Debattenkultur für eine Demokratie ist. Dass das ein absolut zentraler Grundpfeiler einer Demokratie ist, dass nicht die Eliten einfach irgendetwas bestimmen, sondern die Bürger in einer konstanten Debatte darüber sind, wie sie zu verschiedenen Themen stehen. Dieser Meinungswettbewerb sollte möglichst produktiv ablaufen.

H: Ja, und da sollten alle Meinungen gehört werden. Man kann halt einfach nie mit letzter Sicherheit wissen, dass man der Weisheit letzten Schluss in allen Punkten gefunden hat. Man kann nicht wissen, was man nicht weiß. Wenn man wirklich wissen will, was stimmt, wenn man wirklich einen möglichst guten Überblick über alle Möglichkeiten möchte, dann muss man auch Leute anhören, die Ansichten haben, die man nicht mag. Das gehört einfach dazu.

M: Ja, ich denke, wir brauchen wieder ein dickeres Fell. Es muss normal sein, dass ich eine Meinung höre, sie komplett ablehne, aber deswegen nicht versuche, dafür zu sorgen, dass die nie wieder gehört wird, von niemandem. Und da muss man auch da ansetzen, dass es inzwischen eine Debatte darüber gibt, was Meinungen überhaupt sind. Gewisse Meinungen werden heutzutage als Hassrede bzw. Verbrechen bezeichnet, um sie vom Diskurs ausschließen zu können. Das ist ein komplexes Thema, denn die Grenze zwischen Kritik und Beleidigung ist immer wieder schwer zu ziehen.

Aber man kann solche Dispute halt nur über die Debatte lösen. Wir haben nur die Debatte oder Gewalt. Oder halt das Nichtstun. Wir haben irgendwann mal gesagt: Kommt, machen wir eine Demokratie, wir lösen sowas über den Diskurs, über den Austausch von Argumenten. Es ist einfach alternativlos, zu diskutieren. Es gibt daneben nur Gewalt oder Nichtstun. Deshalb müssen wir den Weg der Debatte wählen, auch wenn das nervig sein kann. Man muss in einer offenen Gesellschaft Meinungen aushalten können, die von der eigenen abweichen.

H: Wenn du es überhaupt nicht begrüßen würdest, wenn Leute, die dir in einer Debatte diametral gegenüberstehen, dich einfach kriminalisieren und zum Schweigen bringen könnten, weil ihnen deine Meinung nicht gefällt, kannst du das umgekehrt auch nicht fordern. Die Meinungsfreiheit zu beschneiden, ist ein äußerst gefährliches Spielchen. Wir müssen in diesem Zusammenhang auch wieder lernen, was Toleranz und Respekt bedeuten. Wenn man einen Menschen respektiert, heißt das dann, dass auch alle seine Meinungen und Handlungen Respekt verdient haben und nicht kritisiert werden dürfen oder sollten? Ist Kritik per se intolerant oder lässt sie anderen ihre Meinung und schlägt nur eine Verbesserung vor?

M: Ja, wir wollen Parolen und Alltagsweisheiten näher untersuchen, und dazu gehört aktuell auch die Forderung nach mehr Toleranz und Respekt. Wenn ein Politiker eine Plattitüde äußert, dann schauen wir genauer hin und fragen uns: Was heißt das eigentlich?

H: Genau, und jeglichen Fragen wollen wir ergebnisoffen nachgehen. Kritisches Denken heißt, Argumente zu analysieren, nicht die Menschen, die Argumente nennen, und nicht deren mögliche Motive. Wie gut ist das Argument, sind da kognitive Verzerrungen oder logische Fehlschlüsse involviert, welche Dinge setzt das Argument voraus, und wohin führt uns das Argument, wenn es zutrifft? Dabei haben wir keine vorgefasste Idee davon, was rauskommen darf und was nicht. Es darf alles rauskommen, solange es nur gut begründet ist.

M: Was wir oft beobachten, ist, dass aus einer vorgefassten Ideologie heraus argumentiert und eben nicht ergebnisoffen gekuckt wird, was eigentlich die Argumente sind. Man sagt z.B: „Ich bin SPD-Politiker“ oder „Ich bin CDU-Politiker und deshalb ist dies und jenes meine Haltung.“ Das ist ein Grundproblem, das wir möglichst überwinden sollten, damit wir uns möglichst ergebnisoffen die Argumente ankucken können.

H: Es geht darum, den Leuten Recht zu geben, wo sie Recht haben – auch wenn sie aus einer Ecke kommen, die man zutiefst verabscheut – und sie da zu kritisieren, wo sie daneben liegen. Andernfalls macht man sich einfach unglaubwürdig und kommt keinen Schritt vorwärts. Man wird dann einfach selbst abgekanzelt als jemand, der völlig blind ist, weil er selbst offensichtliche Dinge leugnet, wenn sie von der falschen Seite kommen. Da müssen wir einfach lernen, nüchtern und mit gutem Willen und der offen gezeigten Haltung in Debatten hineinzugehen, dass wir unsere Meinung jederzeit ändern würden, wenn die richtigen Argumente und Belege kommen.

Siehe auch:
Vielfalt ist wertvoll - auch bei Meinungen!

M: Genau, das ist uns auch sehr wichtig: Meinungen können sich ändern. Und bei einer Debatte geht es um Folgendes: Wir kommen hier zusammen, haben unterschiedliche Standpunkte und wissen nicht, ob wir die absolute Wahrheit vertreten. Nun tauschen wir uns aus, um festzustellen, wo wir vielleicht blinde Flecken haben.

H: Wir sollten uns dabei in der Mitte bewegen zwischen zwei Polen. Der eine ist intellektuelle Bescheidenheit: Wir wissen nicht, ob wir wirklich in allen Punkten völlig im Recht sind, es gibt verschiedene Perspektiven, es gibt Fragen, die nicht schwarz-weiß sind, die komplex und nicht mit einfachen Antworten zu lösen sind. Der andere Pol ist die Grundüberzeugung, dass es bessere und schlechtere Argumente gibt, dass wir uns alle letztlich die selbe Realität teilen, dass nicht jede Meinung gleichwertig ist. Zu oft bewegen sich Leute in einem der beiden Extreme dieses Spannungsfeldes, positionieren sich also als krasse Relativisten, die das Konzept von Wahrheit grundsätzlich leugnen, oder als Schwarz-Weiß-Denker, die mit viel zu einfachen, undifferenzierten Antworten arbeiten.

M: Am Ende der Diskussion sollten alle ein wenig schlauer sein, nicht einfach nur ein wenig mehr verärgert. Man sollte nicht so herangehen, dass man sich als den großen Guru ansieht, der jetzt allen Häretikern die Wahrheit über den Kopf hauen muss, notfalls mit Angriffen auf die Person – ironischerweise gerade dann, wenn man sehr davon überzeugt ist, dass man eine plausible Überzeugung vertritt. Wenn wir wirklich wollen, dass unsere Gegner uns anhören und unsere Argumente annehmen, dann müssen wir unsere Anliegen und Argumente auch entsprechend formulieren.

H: Ja, man sollte sich fragen, was man denken würde, wenn die Gegenseite so mit einem umspringen würde, wie man es selber tut. Was würde mich überzeugen? Oft besteht die Argumentation diesen Test nicht, weil man an die eigenen Ansichten und Verhaltensweisen meist sehr durchlässige Standards anlegt und andere Ansichten mit absurden Pseudoeinwänden abtut. Das ist inkonsequent. Die Leute sind oft extrem forsche Skeptiker, wenn jemand mit einer Meinung ankommt, die sie nicht mögen, und bei Meinungen, die einem gefallen, ist man blind. Und warum? Unter anderem deshalb, weil das Wissen über kritisches Denken bei den meisten nicht explizit vorhanden ist, weil wir das in der Schule nicht lernen, was überhaupt gute und schlechte Begründungen sind. Das ist besonders auch bei Wissenschaft der Fall; wir lernen die wissenschaftliche Methode kaum kennen, wir lernen nicht, dass diese Methode nicht irgendwie willkürlich designt ist, sondern explizit so, dass sie so gut wie möglich Denkfehler umgeht und damit persönlicher Erfahrung als Wahrheitsfindungsmethode weit überlegen ist.

M: Ja, die persönliche Erfahrung ist auch ein Riesenthema. Viele Leute argumentieren aus persönlicher Erfahrung heraus, vielleicht unter anderem deswegen, weil sie gar nicht wissen, dass es bessere Methoden gibt, dass es so viele Verzerrungen gibt, und damit sollte man ohne Scham umgehen können. Es kann immer sein, dass man etwas übersehen hat in seiner Argumentation, dass man einem kognitiven Bias unterlegen ist, und es wäre voll cool, wenn es eine Kultur gäbe, in der man die Leute darauf hinweisen kann und die das annehmen und korrigieren können. Vier Augen sehen mehr als zwei, zwei Gehirne denken mehr als eins, und darin steckt ja ein Riesenpotential dazu, sich gemeinsam der Wahrheit anzunähern, sich gegenseitig aufzuklären. Das wäre das Ideal, und wir haben das Gefühl, dass wir uns davon aktuell eher entfernen.

H: Ja, wir haben alle unsere eigenen Perspektiven, und das hat seinen Wert, aber auch seine Tücken. Weil die Leute dazu neigen, daraus dann ihre „eigenen Fakten“ oder objektive, allgemeingültige Fakten abzuleiten, weil ihnen nicht klar ist, wie fehleranfällig Wahrnehmung und Erinnerungsvermögen des Menschen sind und dass sie meist subjektiv Dinge in Erlebnisse hineininterpretieren, die sich daraus nicht ableiten lassen. Wir haben ja kürzlich zufällig herausgefunden, dass es etliche Berichte darüber gibt, dass Albinos es in Afrika oft sehr schwer haben. Und dann hatte jemand kommentiert, dass er aber einen Albino-Onkel in Afrika habe und dem gehe es gut, und deswegen könne das nicht stimmen. In solchen Fällen braucht es einfach ein Verständnis der wissenschaftlichen Methode. Wissenschafts-Relativismus scheint irgendwie cool geworden zu sein. Des öfteren werfen Leute die Wissenschaft aus dem Fenster, wenn sie nicht bestätigt, was sie intuitiv glauben.

M: Das liegt zum Teil auch an mangelhaftem Wissenschaftsjournalismus. Oft gehen die Medien da zu sensationalistisch ran und schreiben dann sowas wie „Die meisten Serienmörder wurden im Juni geboren“ und suggerieren einen Kausalzusammenhang, obwohl die zitierte Studie das gar nicht so ausgesagt hatte. Dann denken die Leute mit der Zeit, die Wissenschaft beschäftige sich nur mit Unsinn und komme zu unsinnigen Resultaten. Aber wenn es mal zu solchem Unsinn kommt, dann liegt das an einzelnen Forschern – es kommt ja vor, dass Wissenschaft für bestimmte Interessen eingesetzt wird – aber nicht an der wissenschaftlichen Methode. Korrelation mit Kausalität zu verwechseln, ist ja ein Verstoß gegen wissenschaftlich-rationale Prinzipien auf Anfängerniveau. Solche Dinge dürfen halt nicht dazu führen, dass das Vertrauen in die komplette Methode verloren geht. Was denkst du, woher dieser Wissenschaftsrelativismus kommen könnte?

H: Primär daher, dass die wissenschaftliche Bildung in der Schule zu kurz kommt, dass wir nur lernen, was die Wissenschaft herausgefunden hat, aber nicht, wie sie es herausgefunden hat. Dann schätzen wir die Methode nicht und begreifen nicht, dass sie penibel so entworfen wurde, dass sie Denkfehler umgeht und die maximale Annäherung an die Wahrheit und Entfernung von Falschheit erreichen kann, die möglich ist. Die Geschichte und unsere modernen Errungenschaften in allen Gebieten bezeugen das eindrücklich. Und wenn die Wissenschaft mal daneben liegt, dann gibt es nur einen Weg, das zu korrigieren, und das ist: mehr Wissenschaft.

Beim Wissenschaftsjournalismus stimme ich dir zu, und da ist es natürlich auch wichtig, dass den Wissenschaftlern selbst klarer wird, dass ihre Arbeit ganz praktische Relevanz hat und oft kaum in solchen öffentlichen Debatten berücksichtigt wird. Und die Medien wiederum kranken daran, dass unser Wirtschaftssystem auf Produktivität und Wachstum ausgerichtet ist, sodass sie mit Clickbait arbeiten müssen, statt wirklich wertvollen, gehaltvollen Journalismus zu betreiben. Da begeben wir uns dann auf das Gebiet der Wirtschaft, wo man sich fragen kann, ob unser aktuelles System in allen Belangen die beste Lösung ist, um unsere Probleme effektiv und effizient zu lösen.

M: Wenn man ein wenig über die wissenschaftliche Methode weiß – und die ist ja kein Hexenwerk – dann kann man sie ja auch kritisieren, kann bestimmte Befunde und Studien anschauen und z.B. sagen „Das wurde noch nicht repliziert“ oder „Dahinter steht eine Lobby“ oder „Die Stichprobe war zu klein“ oder „Es gab keine Kontrollgruppe“ etc. Die Wissenschaft hat sich eigentlich ein gewisses Grundvertrauen verdient, und angesichts dessen ist es zum Beispiel ziemlich traurig und bedenklich, dass es heutzutage so salonfähig ist, die Resultate von 95 % der weltweiten Klimaforschung so bedenkenlos zu verwerfen, unter der Annahme, dass all diese Leute simpelste Fakten nicht berücksichtigt hätten, wie etwa, dass es immer schon Klimawandel gegeben habe. Und da sind wir wieder bei der Debattenkultur: Man muss halt auch mit solchen Leuten reden, auch wenn man denkt, dass es die größten Idioten überhaupt sind. Wenn man wirklich will, dass die Leute möglichst wahre Dinge über die Klimakrise glauben, dann muss man mit ihnen reden, auch wenn es nervt.

Da war ich kürzlich auch verwundert, als Holger Kreymeier von Massengeschmack TV in seinem Format „Veto“ einen „Klimaleugner“ einlud und dann noch einen Wissenschaftler dazuhaben wollte, um das als Dialog zu gestalten, und keinen einzigen Wissenschaftler finden konnte, der mitmachen wollte. Verständlicherweise denken Wissenschaftler da erstmal, dass sie sich auf dieses Niveau nicht hinunterlassen sollten, da über diese Frage in der Wissenschaft sowieso Konsens herrscht. Was aber Holger Kreymeier da – meiner Ansicht nach treffend – angemerkt hat, ist, dass in der Bevölkerung bei Weitem kein Konsens darüber besteht. Beachtliche Teile der Bevölkerung sind nicht wirklich überzeugt davon, dass ein gefährlicher Klimawandel stattfindet, zu dem wir entscheidend beitragen, und deshalb müssen wir darüber reden. Es ist schade, wenn die Wissenschaftler da dann im Elfenbeinturm bleiben. Es muss sehr mühsam sein für Wissenschaftler, sich in so ein Gespräch zu begeben, aber wir müssen es tun, wenn wir wollen, dass viele Leute in ihrem Denken möglichst nah an der Wahrheit sind.

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3 Tricks, um Andersdenkende online ins Nachdenken zu bringen

H: Genau, man muss das ansprechen, was die Leute glauben, man kann nicht so tun, als gäbe es solche Ansichten nicht. Das ist kein Lösungsweg. Wenn viele Leute ein mulmiges Gefühl betreffend Islam haben oder unsicher sind, ob unsere aktuelle Migrationspolitik in Westeuropa die bestmögliche Lösung für alle ist, dann sind die deswegen erstens noch lange keine Nazis, und zweitens muss man die Ängste der Bevölkerung ansprechen, auch wenn man sie für noch so unbegründet und uninformiert hält. Es bringt nichts, Vertreter unangenehmer Ansichten aus Talkshows auszuschließen und die Türen zum Saal zu blockieren, wenn die irgendwo sprechen sollen. Wenn die viele Leute hinter sich haben, werden das dadurch nicht weniger – eher noch mehr. Und das ist genau das, was wir aktuell beobachten, die AfD wächst.

Man braucht einfach auch die Grundüberzeugung, dass sich Meinungen durch Gespräche ändern können. Das ist eine Erfahrung, die wir beide auf sehr tiefgreifende Weise gemacht haben und die uns in dieser Hinsicht sehr viel gelehrt hat. Uns beiden wurde ja von Klein auf mit Nachdruck gelehrt, dass die Bibel die Realität korrekter und umfassender beschreibe als alles andere. Wir waren etliche Jahre felsenfest davon überzeugt und haben dennoch irgendwann unsere Meinung geändert. Niemand hat das mit uns gemacht, niemand hat uns das alles in einem fünfminütigen Gespräch ausgeredet. Es waren unzählige kleine Nadelstiche über Jahre hinweg, die uns ins Nachdenken und den Ballon letztlich zum Platzen gebracht haben, man kann keinen einzelnen Stich identifizieren, der letztlich dafür verantwortlich war. Aber solche Veränderungen passieren durch Gespräche, durch Fragen und Argumente regelmäßig, aber sie dauern oft lange, und sie werden nicht erreicht, indem man jemanden als Vollidioten oder Arschloch beschimpft.

M: Genau. Jemanden als Nazi zu bezeichnen, wird auch nicht dazu führen, dass derjenige seine Haltung hinterfragt. Und wenn du das nicht erreichen willst, was dann? Interessant dabei ist ja, dass „Nazi“ als Beleidigung ja nur dann funktioniert, wenn der andere sich nicht als Nazi sieht. Einen bekennenden Nazi als Nazi zu bezeichnen, sagt ihm nur „Hey du, du glaubst, was du glaubst!“. Da wird er sich denken: „Ja, offensichtlich. Aber was daran falsch ist, kannst du mir nicht sagen, was?“

H: Ja, eben, man setzt bei sowas einfach seine eigene Sicht der Dinge voraus, die der andere offensichtlich nicht hat. Das bringt natürlich nichts, er muss hören, warum man seine Meinung nicht teilt. Wenn man einen Rassisten als Rassisten beschimpft, dann sagt man ihm damit: Du bist jemand, der Menschen nur aufgrund ihrer Herkunft verurteilt. Das bewirkt natürlich nichts, wenn man nicht erklärt, warum das falsch ist. Darüber müssen wir reden. Gewisse Argumente und Erfahrungen haben diesen Menschen zum Rassisten gemacht, und wenn wir seine Meinung ändern wollen, müssen wir uns die Gründe dafür anhören und sie ansprechen – es reicht nicht, die Meinung einfach zu benennen.

Wer überzeugt andere? Jemand, der zeigt, dass er selbst zur Meinungsänderung bereit ist, der nüchtern und mit gutem Willen in Diskussionen reingeht, der sich für sein Gegenüber interessiert, der Fragen stellt, der herausfindet, was der andere wirklich denkt, statt dass er einen Strohmann davon bastelt und diesen heroisch niederstreckt, was nur seinem Ego dient und alles nur noch schlimmer macht. Jemand, der die Haltung des Gegenübers so gut beschreiben kann, dass dieses sagt, es hätte es nicht besser formulieren können. Jemand, der nach Begründungen fragt und dann sachlich nur diese anspricht, völlig getrennt von der Person, die die Begründung nennt.

Jemand, der es eingesteht, wenn das Gegenüber einen guten Punkt ins Spiel bringt, der nicht alles aus Prinzip angreift, was sein Gegenüber äußert. Jemand, der denkt, dass nicht nur der andere, sondern auch er selbst in dieser Diskussion noch etwas lernen könnte. Jemand, der keine Identitätspolitik betreibt, also nicht sagt „Du gehörst zu Gruppe X, und deshalb hast du nichts zu melden / bist du über alle Kritik erhaben“, was ja genau so „rassistisch“ ist wie der Rassismus, den diese Idee angeblich bekämpfen will.

M: Das ist der Wunsch, der hinter unserem Blog steht: einen Ort schaffen, an dem eine ideale Debattenkultur praktiziert wird, wo man lernt, wie man besser diskutieren kann.

H: Genau, wir wollen viele viele Diskussionen starten und die Leute mit dem Rüstzeug für produktive Diskussionen ausrüsten, damit sie in ihrem Umfeld besser diskutieren können. Wir wollen von allen was lernen, die bei uns vorbeischauen, auch uns selber verbessern. Wir haben unsere Haltungen, weil wir eben denken, dass es besser und schlechter begründete Meinungen gibt und Relativismus für inkonsistent und gefährlich halten. Aber das heißt nicht, dass wir dogmatisch sind, sondern wir sind offen dafür, von allem überzeugt zu werden, solange es nur gut begründet ist. Wir sind letztlich auch Menschen mit Emotionen, mit eigenen Erfahrungen und Schwächen. Man kann das nicht komplett ausschalten, aber man kann sich dessen bewusst sein und versuchen, es möglichst zu umgehen und seinen Einfluss zu minimieren. Und man sollte nicht vergessen, dass es völlig normal ist, dass unser von Millionen von Jahren der Evolution geformtes Jäger und Sammler-Gehirn fehleranfällig ist und wir uns nicht so sehr mit unseren Ansichten identifizieren sollten, dass wir uns selbst zutiefst angegriffen fühlen, wenn unsere Ansichten angegriffen und widerlegt werden.

M: Ja, es sollte keine Schande sein, seine Meinung zu ändern, sondern etwas Tolles, ein Schritt in die richtige Richtung. Es ist keine Schande, sich weiterzuentwickeln, reifer und weiser zu werden. Das ist einfach so wichtig, weil wir all unsere privaten und gesellschaftlichen Probleme nur lösen können, indem wir argumentieren und offen dafür sind, unsere Meinung zu ändern. Wir müssen Probleme erkennen und richtig verstehen und herausfinden, was wir effektiv dagegen tun können.

H: Genau, und da gehört es dazu, auch die scheinbar offensichtlichsten Grundannahmen zu hinterfragen. Man sollte nicht an Grundannahmen festhalten, die sich gar nicht oder nur sehr schlecht begründen lassen. Jeden Tag formen wir Ansichten und treffen unzählige Entscheidungen, und dabei haben wir ständig mit Argumenten zu tun. Darum ist es so entscheidend, ein gewisses Wissen darüber zu haben, was bessere und was schlechtere Argumente sind. Darum ist es nicht egal, was die Leute glauben. Weil ihre Ansichten die Basis für ihr Handeln sind, und ihr Handeln hat Konsequenzen für sie und andere. Es geht bei Diskussionen im Idealfall nicht um unreflektierte, egoistische „Missionierung“ – man tut es, um andere und sich selbst weiterzubringen.

Man könnte sogar argumentieren, dass wir ethisch zur Philosophie, also zur Wahrheitsliebe, verpflichtet sind. Denn gute Absichten allein sind einfach nicht genug, um ein „guter Mensch“ zu sein. Wenn ich falsche Annahmen über die Realität habe, kann ich auch mit den besten Absichten riesigen Schaden anrichten. Wenn ich glaube, dass ich mein Kind allein durch Beten von einer schlimmen Krankheit befreien kann, wenn ich glaube, dass ich eine bestimmte Bevölkerungsgruppe ausrotten muss, um die Welt zum Paradies zu machen, wenn ich glaube, dass im Krieg gegen die Ungläubigen das höchstmögliche Gut für alle liegt, dann habe ich sehr löbliche Absichten und erreiche doch mein Ziel, Gutes zu bewirken, überhaupt nicht. Deswegen ist Rationalität so wichtig; weil sie uns hilft, unsere Ziele zu erreichen. Und entgegen der landläufigen Meinung ist Irrationalität viel häufiger als grundlose, angeborene Bosheit.

M: Ja, das ist ein elementarer Teil unserer Lebensphilosophie, in Anlehnung an die alten griechischen Philosophen, dass wir möglichst viele wahre und möglichst wenige falsche Dinge glauben wollen. Das ist extrem spannend, bereichernd und nützlich. Und es ist auch total entspannend, immer ergebnisoffen zu sein und sich nicht immer in einem Team zu wähnen, das um jeden Preis gewinnen und alles leugnen muss, was der Gegenseite in die Hände spielen könnte. Wir hören uns alle Seiten und Argumente an, und bei unserer Meinungsbildung gibt es keinen Parteienzwang. Die Wahrheit soll gewinnen. Oder halt zumindest die bestmögliche Annäherung daran. =)

One comment on “Rabendialog #1: Darum gibt es Hugin & Munin

  1. …die Resultate von 95 % der weltweiten Klimaforschung…
    …all diese Leute…
    Siehe „Denkfehler“, „Logische Fehlschlüsse“, Punkt 1: „Argument der Popularität“.

    Nicht als persönlich gemeint, eher ein kleiner Spaß.
    Mir ist natürlich klar das man sich bei Dingen die nicht zentral für das aktuelle Thema sind mal ungenau ausdrückt.

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