Abkanzelungstechniken am Beispiel Greta Thunberg

Das Internet besteht aktuell eigentlich nur noch aus Greta Thunberg. Der ausgeprägte Diskurs bietet viel Analysematerial für Philosophen. Besonders augenfällig ist für uns, die wir uns gerne mit Argumentation beschäftigen, dass so ziemlich das ganze Arsenal billiger, pseudo-argumentativer Abkanzelungstechniken gegen Thunberg zum Einsatz kommt. Zeit für etwas Anschauungsunterricht!

Diskutieren kann mühsam und auch schmerzhaft sein – besonders, wenn man es mit Meinungen zu tun bekommt, die einem missfallen. Dann ist die Versuchung bisweilen sehr groß, die Inhalte der unliebsamen Argumentation reflexartig zu verwerfen, von ihnen abzulenken, ihre Quelle zu diskreditieren, damit man sich mit ihnen nicht beschäftigen muss und/oder damit man einfach irgendetwas dagegen getan hat, seine Opposition zum Ausdruck gebracht hat. Es ist von Vorteil, darüber Bescheid zu wissen, in welchen Farben und Formen solche Abkanzelungstechniken daherkommen, um sie entlarven zu können – bei sich selbst genau so wie bei anderen.

Ad hominem – die Person angreifen

Jeder greifbare Aspekt von Greta Thunbergs Person wird in den Kommentarspalten dieser Welt ausgiebig thematisiert – ihr Aussehen (wie so oft bei Frauen), ihr Alter, ihr Geschlecht, ihre Bildung, ihr Gesundheitszustand etc. Wir sind soziale Wesen und viele von uns interessieren sich leider oft stärker für Persönlichkeiten als für Ideen und Argumente (weswegen auch die Medien gerne den Fokus auf Thunbergs Person legen) – und das ist gerade bei einer Person wie Thunberg, die nicht als Person im Zentrum stehen, sondern nur auf die Wissenschaft verweisen möchte, besonders schade.

Natürlich kann man auch über Personen reden. Problematisch wird es aber, wenn das Gespräch über eine Person das viel relevantere und wichtigere Gespräch über die Ideen und Argumente der Person in den Schatten stellt – oder wenn sogar ein lupenreines Argumentum Ad Hominem verwendet wird, wenn also aus einer Eigenschaft einer Person auf die Falschheit ihrer Ideen und Argumente geschlossen wird. Genau das ist bei Thunberg ständig der Fall.

Mai Thi Nguyen Kim hat es treffend formuliert: Es ist egal, ob ein Argument auf einem Blatt Papier geschrieben steht oder von einer bestimmten Person vorgetragen wird. Man kann also Thunbergs Aussagen nicht entkräften, indem man auf ihr Aussehen, ihr Alter, ihr Geschlecht, ihre Bildung, ihren Gesundheitszustand oder sonst irgendetwas an ihrer Person verweist. Nichts davon macht ihre Argumente automatisch ungültig. Wenn man Argumente angreifen möchte, muss man auch auf die Argumente eingehen, die Person dahinter spielt keine Rolle.

Wie fundamental das in der Klimadebatte schiefgeht, erkennt man besonders daran, dass Gegner häufig die Klimadebatte auf einen „Greta Thunberg-Kult“ reduzieren. Daran, dass dieser Eindruck entstanden ist, sind nicht zuletzt die Medien schuld, aber es ist in vielen Fällen auch eine absichtlich gewählte Abkanzelungstechnik. Es zeigt, mit welcher Häufigkeit und Intensität versucht wird, den Fokus vom ungeliebten Thema wegzulenken.

Wenn man Mühe hat, das Argument des Gegners argumentativ anzugreifen, ist auch das Mutmaßen über mögliche Motive des Gegners eine beliebte Taktik. Statt über Gretas Kernaussagen zu reden, denkt man als Erstes darüber nach, welche finsteren Absichten Greta haben könnte. Vielleicht will sie sich nur bereichern, berühmt werden. Vielleicht ist sie nur eine Marionette ihrer Eltern, die reich werden wollen. Vielleicht will sie etwas an der Wirtschaft ändern, auf eine Weise, die meiner politischen Ideologie zuwiderläuft. Vielleicht ist sie Teil einer gigantischen Verschwörung, die den Westen oder die ganze Welt in den Abgrund zerren will!

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Die allermeisten solcher Mutmaßungen sind nichts weiter als genau das – Mutmaßungen, ohne jegliche Grundlage, willkürliche Ablenkungsmanöver. Gäbe es Gründe dafür, unlautere Motive zu vermuten, so sollte das durchaus auch thematisiert werden – aber wie schon beim Ad Hominem nicht auf Kosten der inhaltlichen Diskussion über die vorgebrachten Argumente. Ob es einen Klimawandel gibt, was dessen Ursachen sind und wie man ihn effektiv bekämpft, ist nicht von den Motiven der Leute abhängig, die darüber reden. Welche Absichten jemand (angeblich) hegt, beeinflusst die Güte seiner Argumente nicht. Wer so tut, als sei das anders, bedient sich einer unredlichen Abkanzelungstechnik.

Whataboutism 

Extrem beliebt bei der Abkanzelung ist immer der Whataboutism: Wenn Greta etwas sagt, verweist man auf andere Probleme und fragt, ob es denn keine größeren Probleme gebe. Dabei wird ignoriert, dass andere Probleme nur sehr begrenzt einen Einfluss darauf haben, wie diskussions- und lösungswürdig ein spezifisches Problem ist. Dass es andere Probleme gibt, macht ein Problem nicht zur unwichtigen Nebensache. Es gibt andere Probleme, sogar weit schlimmere als einen platten Reifen, aber das ist kein Argument dafür, ihn nicht auszuwechseln. Weder, dass es andere noch ähnlich schlimme Probleme gibt, ist ein Argument dagegen, den Klimawandel anzusprechen und zu bekämpfen, auch wenn das so einige Menschen in den Kommentarspalten zu denken scheinen. Als Antwort auf ihre eigene Kritik würden sie solche Entgegnungen niemals akzeptieren.

Rhetorische Abkanzelung

Dies ist ein besonders großes Kapitel bei der Abkanzelung. Primär geht es darum, dass anhand von abwertenden Begriffen das Vorgehen des Gegners verzerrt dargestellt wird, um ihn zu diskreditieren. Das ist bei vielen Themen zu beobachten, doch bei Greta und Klimawandel werden hier aktuell alle Register gezogen. So werden etwa Gretas Hinweise auf Gefahren zu „Angstmacherei“ umgetauft, das Engagement und ihre Aufrufe zum Handeln als „Hysterie“ bezeichnet, aus ihrer Argumentation wird „Propaganda“ und „Missionierung“, aus emotional vorgetragener Argumentation wird „Populismus“, ihre Kritik wird als „Angriff“ oder „Shaming“ dargestellt. Schlägt sie neue Gesetze vor, wird ihr unterstellt, eine „Verbotskultur“ zu propagieren. So ziemlich jede von ihr geäußerte Ansicht nennt man ein „Dogma“, und wenn Greta die Ansicht verteidigt, unterstellt man ihr, ihre Ansicht als „einzige, absolute Wahrheit“ zu verstehen, „keine Kritik zuzulassen“ und „die Meinungsvielfalt zu unterdrücken“ und somit „die Gesellschaft zu spalten“.

Zusammengefasst werden die Mittel dieser rhetorischen Abkanzelungsstrategie darin, dass die gesamte Fridays for Future-Bewegung als „Religion“ diffamiert wird, mit Dogmen, Päpsten und Propheten, Missionierung, Weltuntergangshysterie, emotionaler Irrationalität, gefährlichen Gruppendynamiken und allem drum und dran. Damit macht man aus einer komplexen, vielschichtigen Bewegung – in der es ja durchaus Akteure gibt, die unsauber vorgehen – einen einzigen riesigen Strohmann, den man dann mühelos heldenhaft abschießen kann. Man kann die kritisierte Bewegung dermassen nicht ertragen, dass man selbst Dinge bemängelt, die für jede Bewegung völlig legitim sind.

Sich das vor Augen zu führen, ist ganz leicht, wenn man an eine Meinung/Bewegung denkt, der man zustimmt. Würden Greta-Kritiker einen 16-jährigen autistischen Georg, der Greta, Fridays for Future und die Klimaforschung in einer öffentlichen Wutrede kritisiert und vor ihnen warnt, auch so kritisieren? Sie könnten es jedenfalls.

Die Inhaltslosigkeit und Gefahr der rhetorischen Abkanzelung

Auch dann, wenn ein Meteorit auf die Erde zuflöge, müssten die Leute, die das verkünden, auf „Panikmache“ zurückgreifen und „Hysterie“ verbreiten. Sie müssten weltweit ihre „Propaganda“ veröffentlichen und mit ihrer Meinung „missionieren“, und bestimmt wären manche von ihnen angesichts dieser drohenden Katastrophe mal plakativ und emotional, also „populistisch“. Kritiker der Meteoritentheorie würden „angegriffen“, gesetzliche Maßnahmen eine „Verbotskultur“ darstellen. Das „Dogma“ des Meteoriteneinschlags würde mit Überzeugung vertreten und verteidigt, sprich „als einzige, absolute Wahrheit verstanden“, die Forscher würden Kritikern Gegenargumente entgegensetzen, also „keine Kritik zulassen“, „Meinungsvielfalt“ bezüglich des Meteorits wäre „weder möglich noch erwünscht“. Da manche ihnen glauben würden und andere nicht, würden sie mit ihren Informationen „die Gesellschaft spalten“.

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Unmögliche Gespräche führen, Teil 1: Die 7 Grundlagen

Rhetorische Abkanzelung ist auf so ziemlich jede Meinung/Bewegung anwendbar. Was auf alles anwendbar ist, ist inhaltsleer. Und das Hauptproblem ist: Man kann damit auch völlig legitime Meinungen, Bewegungen und Vorgehensweisen abkanzeln. Natürlich gibt es übertriebene Panikmache und deplatzierte Hysterie – aber Angst ist nicht immer und grundsätzlich falsch und kritikwürdig. Natürlich gibt es Propaganda, Populismus, Missionierung und übertrieben angriffige Kritik – aber für etwas zu argumentieren, zu versuchen, andere zu überzeugen, und andere Leute bzw. deren Meinungen zu kritisieren, ist nicht grundsätzlich verwerflich.

Natürlich gibt es übertriebene Gesetze, aber Verbote sind nicht grundsätzlich immer schlecht. Nicht jeder, der eine Meinung mit Überzeugung äußert, erhebt diese dadurch automatisch zum Dogma, das er unter keinen Umständen aufgeben würde. Wer seine Meinung verteidigt und andere Meinungen kritisiert, lässt dadurch nicht keine Kritik und keine anderen Meinungen zu, er beantwortet sie nur, was völlig legitim ist. Und dass sich die Leute wegen einer Meinung in verschiedene Lager spalten, ist ebenfalls normal und kann kein Argument dafür sein, mit dem Argumentieren aufzuhören. Wir schlussfolgern: All diese rhetorisch geäußerten Vorwürfe sind irrelevant, solange nicht über die Inhalte der kritisierten Meinung gesprochen wird.

Fazit: Inhalte thematisieren ist unausweichlich

Abkanzelung zur Vermeidung der Diskussion von Inhalten ist ein extrem weit verbreitetes Phänomen, und es ist sehr wichtig, es zu verstehen und sich ihm effektiv entgegensetzen zu können. Unsere Vernunft ist die meiste Zeit über eine Sklavin unserer Emotionen. Wenn die Leute eine Ansicht auf den ersten Blick nicht mögen, dann werden sie oft alles versuchen, um sie abzukanzeln. Fast jeder Stein ist gut genug, um nach der Meinung geworfen zu werden, und wenn es sich um den jämmerlichsten kleinen Brocken handelt. Er wird geschmissen, unter dem Jubel der Gleichgesinnten und der nachvollziehbaren Wut der Gegner, die gleich wieder als Bestätigung der eigenen Meinung gewertet wird – weil man sich in eine vollständig kritikimmune Position zurückgezogen hat. Der Gegner kann nichts sagen, das mit den Mitteln der Abkanzelung nicht abgeblockt werden könnte. Und das passiert auch noch unter dem Deckmantel eines angeblichen Skeptizismus.

Dabei bedeutet Skeptizismus nicht, stur und aus Prinzip eine „Mainstreammeinung“ abzulehnen. Es bedeutet, nur dann ein Urteil zu fällen, wenn dafür ausreichende Gründe vorliegen – und zwar immer, bei jedem Thema. Wenn die Argumente der Gegner tatsächlich nicht ausreichend sind, dann muss man als Skeptiker auch über diese Argumente sprechen. Abkanzelungsstrategien sind darauf ausgerichtet, die Diskussion von Argumenten zu vermeiden, aus unredlichen und denkfehlerbehafteten Gründen. Sie weisen weniger auf einen reflektierten Skeptizismus hin als vielmehr auf einen irrationalen Widerstand gegen Argumente, denen man sich inhaltlich nur schwer stellen könnte. Man sollte sich immer fragen: Würde ich es ernst nehmen, wenn einer meiner Meinungen auf diese Weise begegnet würde?

Wir müssen lernen, Abkanzelung zu entlarven und die Gespräche auf die Inhalte der Meinungen zu lenken, die abgekanzelt werden. Wenn eine Person eine Meinung äußert, dann lasst uns wieder mehr über diese Meinung reden, statt so zu tun, als sei das, was wirklich zählt, die Person selbst, ihre vorstellbaren Motive, andere Probleme oder die Ähnlichkeiten zu Religion, die man finden könnte, wenn man das Vorgehen der Person überspitzt darstellt. Nur dann können wir überhaupt anfangen, produktive Gespräche zu führen, die uns weiterbringen.

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